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Keine Oberstufe für Jesteburg!

Ist der Wunsch nach einer Obertufe gerechtfertigt? Das WOCHENBLATT thematisierte vergangene Woche den Bettelbrief an Kultusministerin Frauke Heiligenstadt
 
Kritisiert den Jesteburger Wunsch nach einer Oberschule: Prof. Dr. Jens-Rainer Ahrens
 
Landkreis-Sprecher Johannes Freudewald bestätigte auf WOCHENBLATT-Nachfrage, dass der Landkreis rechtzeitig, voraussichtlich nach den Osterferien 2017, eine Befragung an der Oberschule durchführen werde, wie viele Schüler des Jahrgangs Klasse 9 zum Schuljahr 2018/19 an welche gymnasiale Oberstufe wechseln wollen (Foto: Landkreis Harburg)

Herber Dämpfer für den Elternrat und die Schul­initiative in Jesteburg! Alexandra Mosbach von der niedersächsischen Landesschulbehörde teilte auf
WOCHENBLATT-Nachfrage am gestrigen Freitag mit, dass es keine Oberstufe an der Oberschule geben wird. Wie berichtet, hatten Elternvertreter und einzelne Politiker einen Bettelbrief an Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) geschrieben und darin mit falschen Fakten für eine Oberstufe geworben. Die WOCHENBLATT-Berichterstattung passte der Initiative nicht und sorgte in sozialen Netzwerken für Proteststürme. „Völlig unverständlich, warum ein Anzeigenblatt gegen die Verbesserung von Bildungschancen schreibt“, hetzte unter anderem Initiativen-Mitgründerin Nathalie Boegel (CDU). Deutlich differenzierter kommentiert Professor Dr. Jens-Rainer Ahrens die Situation in Jesteburg. Der Bildungsexperte kämpfte unter anderem engagiert für die Einrichtung von Integrierten Gesamtschulen im Landkreis Harburg.

Alles zum Wohl der Kinder?

mum. Jesteburg. Der Aufschrei in Jesteburg war am vergangenen Wochenende groß. Elternrat, Schulinitiative und Lehrer zeigten wenig Verständnis, dass das WOCHENBLATT den Wunsch nach einer Oberstufe der dortigen Oberschule kritisiert. Unter anderem stellte Nathalie Boegel (CDU), die Vorsitzende des Jesteburger Schulausschusses, fest, dass es „völlig unverständlich ist, warum und aus welchen konkreten Motiven heraus sich ein lokales Anzeigenblatt grundsätzlich gegen die Verbesserung von Bildungschancen für Kinder stellt“. Wie berichtet, hatten der Elternrat und Politiker von CDU, SPD und Grünen in einem Bettelbrief an Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) dies gefordert.
Deutlich differenzierter als die Betroffenen sieht Professor Dr. Jens-Rainer Ahrens die Kritik. Der langjährige SPD-Kreistagspolitiker, ehemalige Landrat und Landtagsabgeordnete wurde gerade mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet - unter anderem für sein Engagement in der Schulpolitik. Ahrens hatte sich voller Leidenschaft für die Einrichtung der Integrierten Gesamtschulen im Landkreis Harburg eingesetzt.

Seine Einschätzung im Wortlaut (gekürzt):
„Die Oberschule in Jesteburg ist ein vom ehemaligen Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) erfundener Schultyp, der nichts mit dem altersher bekannten Begriff (nämlich Gymnasium) zu tun hat, sondern in seiner Grundform die Zusammenfassung von der Hauptschule mit der Realschule bedeutet. Für die Einrichtung gab es zwei Gründe: Die unaufhaltsame Abwahl der Hauptschule durch die Eltern. Sinkende Schülerzahlen gefährden die Existenz. Ähnliches, wenn auch nicht so stark ausgeformt, traf viele Realschulen. Um wenigstens an den Grundzentren ländlicher Gemeinden noch ein Schulangebot im Sekundarbereich I (Klassen 5 bis 10) zu erhalten und dies mit einem ausreichend differenzierten Angebot, wurde die neue Oberschule als Zusammenlegung von Haupt- und Realschule kreiert. Anknüpfend an alte bildungspolitische Auseinandersetzungen war mit der Einführung der neuen Oberschule auch daran gedacht, den Trend zur Gründung weiterer Integrierter Gesamtschulen zu unterlaufen. Einige dieser neuen Oberschulen führen auch einen gymnasialen Zweig. Dennoch geht das Konzept dieser Oberschulen dahin, dass sie mit dem 10. Schuljahrgang endet. Das bedeutet, dass die Schüler aus dem Haupt- oder Realschulzweig, die einen ‚erweiterten Realschulabschluss‘ geschafft haben, die Schule wechseln. Das gilt auch, wenn es einen gymnasialen Zweig gibt, weil die Zahl potenzieller Wechsler in eine gymnasiale Oberstufe zu klein ist, um ein ausreichend differenziertes Oberstufenprogramm mit möglichst vielen Wahlmöglichkeiten vorzuhalten.
Im Falle Jesteburgs gibt es in der Nähe in Buchholz drei Möglichkeiten, im allgemein bildenden Bereich Oberstufen anzuwählen, alle mit durchaus eigenen Profilen (Kattenberg, AEG und die IGS). Dazu existiert die Palette berufsbildender Gymnasien an den Berufsbildenden Schulen in Buchholz. Es besteht also eine reichhaltige und sehr ausdifferenzierte Auswahlmöglichkeit für Schüler. Das mit einer Mini-Oberstufe ausstechen zu können, ist wohl eher unwahrscheinlich.“

• Landkreis-Sprecher Johannes Freudewald bestätigte auf WOCHENBLATT-Nachfrage, dass der Landkreis rechtzeitig, voraussichtlich nach den Osterferien 2017, eine Befragung an der Oberschule durchführen werde, wie viele Schüler des Jahrgangs Klasse 9 zum Schuljahr 2018/19 an welche gymnasiale Oberstufe wechseln wollen. „Im Anschluss daran werden wir auf Basis der benötigten Plätze Gespräche mit den Schulleitungen der Gymnasien, Gesamtschulen und Berufsbildenden Schulen führen und die entsprechenden Kapazitäten einrichten.“ Freudewald weiter: „Es gilt unberührt davon die gesetzliche Verpflichtung, dass der Landkreis als Schulträger die benötigten Plätze für Oberstufenschüler mit dem Abschlussziel Abitur bedarfsgerecht schaffen muss. Dafür stehen im Landkreis Harburg neun Gymnasien, zwei IGS und zwei Berufsbildende Schulen zur Verfügung.“

Auf ein Wort

Egoismus ist hier falsch am Platz
Um das einmal klar zu stellen: Über die Qualität des Unterrichts in Jesteburg maße ich mir nicht an zu urteilen. Ich bin sicher, dass die Lehrer dort genauso engagierten Unterricht geben wie an den vielen anderen Schulen im Landkreis Harburg.
Worum geht es also dann, wenn das WOCHENBLATT den Jesteburger Wunsch nach einer Oberstufe kritisiert?
Rein juristisch betrachtet, ist eine Oberstufe an Oberschulen schlichtweg nicht erlaubt. Das hat die Landesschulbehörde jetzt noch einmal bestätigt.
Den Mitgliedern der Schulinitiative hätte dies genauso bekannt sein müssen wie den Lehrern und Eltern. Es wäre äußerst fragwürdig, wenn den Eltern etwas anderes versprochen wurde.
Natürlich kann ich als dreifacher Vater verstehen, dass die Eltern dafür kämpfen, ihren Kindern das gewohnte Umfeld bis zum Abitur zu erhalten. Aber um welchen Preis?
Der Schulstandort Jesteburg müsste für mehrere Millionen Euro erweitert werden. Fakt ist, dass mindestens 13 Klassenräume plus entsprechende Fachräume fehlen. Ist es gerecht, diese Kosten zum Wohle weniger Eltern auf alle Bürger des Landkreises umzulegen? Diese Frage ist vor allem vor dem Hintergrund gerechtfertigt, da in anderen Schulen im Landkreis genügend Kapazitäten bestehen.
Ich bin der Meinung, dass man im Gegensatz zu Schulleiterin Iris Strunk nicht nur auf sich schauen darf.
Und: Wenn - wie von der Schulinitiative und dem Elternrat behauptet - die Schülerschaft in Jesteburg aus „überdurchschnittlich vielen leistungsstarken Kindern“ besteht, dann sollte der Wechsel an ein „echtes“ Gymnasium doch keine Hürde sein - oder?
Sascha Mummenhoff

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