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Kiffen, Rotwein und Telefonstreiche - "Das Fest der (Schaden-)Freude" - eine Weihnachtsgeschichte von Jesko Wilke

Kiffen und Weihnachten - das gehörte für den Bendestorfer Autoren Jesko Wilke zusammen - zumindest in seiner Jugend (Foto: Jesko Wilke)
 
Dörte und Jesko Wilke haben gemeinsam das Kochbuch „feel good food“ herausgebracht (Foto: Jesko Wilke)
 
Jesko Wilkes Weihnachtsgeschichte ist in der Textsammlung „Holy Horror Christmas - Das Grauen kehrt zurück“ erschienen (Foto: Konkret Literatur Verlag)

Eine Weihnachtsausgabe ohne Weihnachtsgeschichte ist wie Heiligabend ohne Tannenbaum. In diesem Jahr stammt sie aus der Feder von Jesko Wilke. Der Bendestorfer Autor ist bekannt für humorvolle Geschichten mit Biss. Wilke setzt damit übrigens eine Tradition fort. Sein Vater Werner Commandeur - einst stellvertretender Chefredakteur bei Gruner und Jahr - schrieb bis zu seinem Tod 2012 viele Jahre die WOCHENBLATT-Weihnachtsgeschichten.

Das Fest der (Schaden)-Freude


Ich war etwa 16 Jahre alt, also noch nicht richtig erwachsen, aber schon ziemlich cool drauf und hatte Anschluss an eine „dufte Clique“ gefunden, wie man in den 1970er Jahren sagte. Aus Gründen, die ich mir heute nicht mehr erklären kann, hatte ich mich allerdings dazu überreden lassen, an einem Krippenspiel teilzunehmen, was definitiv uncool war - ein Rückfall in die Konfirmandenzeit. Aber ich wollte den Pastor, der Regie führte, nicht enttäuschen, weil er so etwas wie eine Vaterfigur für mich war. Immerhin handelte es sich um eine moderne Variante, was einschloss, dass ich Gitarre spielen durfte und wir eine Art Protestsong anlässlich der Geburt Jesu sangen. Außer meinem Freund Manfred wusste zum Glück niemand von der peinlichen Aktion und ich verpflichtete ihn zu absolutem Stillschweigen.
Dann kam der Tag der Premiere, ein Sonntag im Advent. Als ich kurz vor Beginn durch den noch geschlossenen Vorhang spähte, entdeckte ich sie: Meine komplette Clique! Sie hatten sich zugedröhnt und in die letzte Reihe gesetzt. Ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Während der Aufführung kicherten und feixten sie wie bekloppt, allen voran Manfred, und nach der Pause waren sie verschwunden. Ich war total angepisst über Manfreds Indiskretion und darüber, dass sich die gesamte Meute auf meine Kosten amüsiert hatte. Beim Pastor gab es nach der Aufführung roten Heringssalat, allerdings ohne Hering, den hatte er vergessen - das war echt der Tiefpunkt.
Ein paar Wochen später war Heiligabend. Wir hatten uns verabredet, nach Abfeiern der heimischen Rituale zur Nachlese zusammenzukommen. Also trafen wir uns gegen 23 Uhr bei Sandra und Juliane, deren Eltern sich auf einer Kreuzfahrt durch die Karibik befanden - sturmfreie Bude. Wir hatten gemeinsam eine enorme Tüte geraucht, tranken nun Rotwein und regredierten in eine immer albernere Stimmung, als jemand auf die total bescheuerte Idee kam, Telefonstreiche zu machen. Das orangefarbene Telefon, damals noch mit Wählscheibe, stand in der Mitte. Sandra wählte eine Fantasienummer, grinste und reichte den Hörer an ihre Schwester weiter. Wir vernahmen das Tuten des Freitons. Dann hob jemand ab. Wir lauschten. Eine müde Stimme sagte: „Hier Klaus Wrede.“
„Hallo Klaus, hier ist die Petra“, sagte Juliane und schaute triumphierend in die Runde. „Erst mal Frohes Fest, Klaus. Ich wollte mich nur entschuldigen. Tut mir sehr leid, dass du dieses Mal keine Weihnachtskarte bekommen hast. Ich hatte einfach zu viel um die Ohren“. Juliane plapperte munter drauflos und ihr Gesprächspartner schien froh über den unerwarteten Kontakt. Vielleicht ein einsamer alter Kautz, dachte ich. Zur Verwunderung aller Beteiligten entspann sich nun eine lebhafte Unterhaltung über den Sinn und Unsinn von Weihnachtskarten. Juliane beendete das Gespräch mit den Worten: „Ach das war richtig nett Klausi, also dann, bis nächstes Jahr“ - und legte auf.
Jetzt war ich mit Wählen dran. Mittlerweile war es nach Mitternacht. Ich weiß nicht mehr, welcher Teufel mich in dem Moment geritten hat, jedenfalls wählte ich die Nummer von Manfreds Eltern und gab ihm den Hörer. Es klingelte ein paar Mal, dann war seine Mutter am Apparat. Ich konnte an Manfreds panischem Blick ablesen, dass er ihre Stimme sofort erkannt hatte. Jetzt hätte er natürlich auflegen müssen. Doch es kam anders. Manfred hatte sich nämlich in seinem bekifften Hirn einen Satz zurecht gelegt, der nun raus musste, komme, was wolle. „Hallo, ich würde gern ihren Hund sprechen“, sagte er mechanisch. Das war an sich ein ganz origineller Einstieg, doch in diesem Fall echt fatal. Denn Manfreds Mutter hatte ihren Sohn natürlich sofort an der Stimme erkannt und keifte nun: „Manfred, was fällt dir ein!? Weißt du eigentlich, wie spät es ist!?“
Äh, ja ... äh nein ...“, stotterte Manfred mit vor Verzweiflung starrem Blick. „Ich hab mich verwählt, äh glaube ich ...“
Jetzt konnten wir uns nicht mehr halten und brachen in Gelächter aus. „Verwählt? Willst du mich auf den Arm nehmen? Na warte, komm du mir nach Hause!“, brüllte sie, während wir lachten und lachten, dann legte sie auf. Draußen hatte es inzwischen angefangen zu schneien. Dicke Flocken schwebten an dem großen Wohnzimmerfenster vorbei und gaben der Szene auf einmal etwas Feierliches und Besinnliches. Jetzt musste auch Manfred lachen. Wie heißt es so schön: „Weihnachten, das Fest der Freude!“

Vielseitiger Autor: Vom Ernährungsratgeber bis zum Frauenroman


(mum). Im September 2012 erschien im renommierten Rowolt-Verlag mit „Ghostwriter“ der erste Roman von Jesko Wilke. Seitdem geht es für den Autoren steil bergauf. Wilke studierte Philosophie, Kunsttherapie und Kunstpädagogik sowie Grafikdesign. Außerdem war er einige Jahre in sozialen Einrichtungen tätig. Seit 1991 arbeitete er in verschiedenen Positionen für die Verlagsgruppe Milchstraße, dann in der Tomorrow Internet AG. Anfang 2002 machte er sich selbstständig. Seitdem arbeitet er als Autor und freier Journalist - unter anderem für „Fit For Fun“, „Bild der Frau“ und das Hundemagazin „DOGS“. In all den Jahren blieb Wilke Bendestorf treu. Seine Mutter zog von Hamburg in den kleinen Ort als er vier Jahre alt war. Dort ging er in die Grundschule. Später besuchte Wilke das Albert-Einstein-Gymnasium in Buchholz. Dann zog es ihn in die Ferne, doch seit 1998 lebt Wilke mit seiner Frau Dörte (ebenfalls Journalistin) wieder in Bendestorf.
Zusammen hat das Paar das Kochbuch „feel good food“ (Christian Verlag) veröffentlicht. Darin vermitteln die Autoren auf sympathische Art, was eine ausgewogene und gesunde Ernährung ausmacht. Derzeit prüft das Paar die Druckfahnen ihres neuen Ernährungsratgebers „Clean Eating - Der 21-Tages-Plan“, der im März 2016 bei Goldmann erscheinen wird.
Seit dem 21. Dezember liegt zudem ein ganz besonderes Buch vor. Im Edel-Verlag veröffentlichte Wilke das eBook „Der Beste kommt zum Schluss.“ Ein Frauenroman, der unter dem Pseudonym Lilly Paulsen erschienen ist.