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Politik-Ausstieg für den Sohn

Kerstin Kohlmus will sich mehr um ihren Sohn Cedric (13) kümmern (Foto: Kohlmus)
 
Die Bendestorferin Kerstin Kohlmus gibt ihr Ratsmandat an Hans Huisman weiter

Bendestorf: Kerstin Kohlmus gibt ihren Sitz im Gemeinderat auf.

mum. Bendestorf. Diese Entscheidung verdient großen Respekt! Kerstin Kohlmus (48) ist mit ganzem Herzen Kommunalpolitikerin. Im Herbst wählten die Bendestorfer die gelernte Schifffahrtskauffrau zum zweiten Mal für die Bendestorfer Wählergemeinschaft (BWG) in den Gemeinderat. Doch nach knapp einem halben Jahr steigt Kohlmus aus der Politik aus. „Mein 13-jähriger Sohn Cedric leidet an einer schweren Nervenkrankheit“, sagt die zweifache Mutter. „Er benötigt jetzt meine volle Aufmerksamkeit.“
Kerstin Kohlmus wendet sich nicht an die Öffentlichkeit, um Mitleid zu erhaschen. „Ich fühle mich denjenigen, die mich gewählt haben, verpflichtet“, so die 48-Jährige, die Mitglied in den Ausschüssen für Jugend, Soziales, Sport und Schule sowie Bau, Planung, Straßen und Wege war. „Ich wünsche mir, dass die Wähler Verständnis für meine Situation haben.“
Die Krankheit von Cedric (13) kam plötzlich. Er litt unter zahlreichen Entzündungen im Bein, die erst nach gut einem halben Jahr unter Kontrolle gebracht werden konnten. Doch geheilt ist der Junge noch lange nicht. Cedric hat das sogenannte Sudeck-Schmerzsyndrom. Bereits leichte Berührungen sind für ihn mit unvorstellbaren Schmerzen verbunden. „Anfangs war selbst ein Windhauch für ihn zu viel“, erinnert sich Kerstin Kohlmus. Außerhalb des Hauses benötigt Cedric einen Rollstuhl.

Entscheidung des Herzens


"Mir ist die Arbeit im Gemeinderat viel zu wichtig, um sie nur halbherzig zu machen", sagt Kerstin Kohlmus. Um für ihren Sohn rund um die Uhr da zu sein, hat sich die 48-Jährige entschieden, ihr Mandat im Bendestorfer Gemeinderat zurückzugeben. "Abhängig vom Ausschuss, den Themen und der Tagesordnung benötige ich einige Stunden, um mich auf eine Sitzung vorzubereiten", erklärt Kohlmus. Gerade die Themen im Bauausschuss hätten es in sich und seien für Laien nicht auf den ersten Blick verständlich. "Aber genau das hat mir Spaß gemacht. Ich wollte mich in diese Themen einarbeiten, um die richtigen Entscheidungen zu treffen", schaut die 48-Jährige zurück. Es sei eben nicht damit getan, nur die Verwaltungsvorlage zu lesen. Genau diese Zeit hat Kerstin Kohlmus jetzt nicht mehr. Ihr Sohn Cedric ist schwer erkrankt und braucht die Pflege und Unterstützung seiner Mutter.
Das alles änderte sich quasi über Nacht, als ihr Sohn Cedric an dem Sudeck-Schmerzsyndrom erkrankte. Schon leichte Berührungen sorgten anfangs für unerträgliche Schmerzen. Zeitweise sei sogar eine Amputation im Gespräch gewesen. "Inzwischen ist es schon viel besser geworden", so Kohlmus. Cedric erfährt eine gute medizinische Versorgung. Vor allem aber ist es seine Mutter, die Tag und Nacht für ihn da ist. Selbst die Schule meisterte der tapfere Junge mit Bravour. Cedric besucht die Integrierte Gesamtschule in Buchholz. Als er nicht mehr am Unterricht teilnehmen konnte, ließ die Schulleitung es zu, dass Kerstin Kohlmus ihren Sohn zu Hause den Lehrstoff vermittelte. Auch die Prüfungen schrieb Cedric in Bendestorf - natürlich ohne auf Hilfsmittel zurückzugreifen. Der 13-Jährige wurde versetzt - und hofft, schon bald wieder am echten Unterricht teilnehmen zu dürfen. "Aber dazu muss er erst zu 100 Prozent gesund sein", so Kerstin Kohlmus. Denn ein Rückfall sei sonst sehr wahrscheinlich.
• Für Kerstin Kohlmus rückt Hans Huisman (67) im Gemeinderat nach. Der gebürtige Niederländer wohnt seit zehn Jahren in Bendestorf und arbeitet als Direktor Technik und Umwelt für ein Unternehmen, das Yachten baut. Für ihren Nachfolger wünscht sich Kohlmus, dass er die gleiche Unterstützung bekommt wie sie selbst. Politisch teilen die beiden Bendestorfer viele Ansichten. "Wir wollen verhindern, dass andere über unser Dorf entscheiden", sagt Huismann. Unter anderem wolle man sich nicht von der Gemeinde Jesteburg einen gemeinsamen Bauhof in Jesteburg aufzwingen lassen.
Kohlmus hingegen wird mit ihrer Art und Sätzen wie: "Als zweifache Mutter mit Beruf habe ich andere Ansprüche an das Dorf gehabt, als die überwiegend älteren Herren im Gemeinderat" fehlen.

Das Sudeck-Schmerzsyndrom

Das Sudeck-Schmerzsyndrom tritt in der Regel nach einem Trauma auf, also nach einer Stauchung, einem Bruch oder einer Operation an den Extremitäten. Die akute Form gleicht einer Entzündung. Langfristig verändern sich die entsprechenden Repräsentationszonen im Gehirn (Verklumpung der Nerven im Gehirn). Die Patienten verlernen feine Bewegungsabläufe, die normale Hand- oder Fußfunktion geht verloren. Experten schätzen, dass weltweit von 100.000 Menschen jährlich fünf bis 26 ein Sudeck-Schmerzsyndrom nach einem Trauma oder einer Bagatellverletzung entwickeln. Theoretisch könne es jeden treffen.
Was viele Betroffene gemeinsam haben: einen langen, schmerzhaften Weg bis zu einer endgültigen Diagnose. Zu Beginn lässt sich die Krankheit oft nur schwer erkennen. Zudem gibt es nicht die eine Methode, mit der man die Krankheit eindeutig diagnostizieren kann. Für die Therapie gilt: Je früher sie beginnt, desto besser sind die Heilungschancen. Neben entzündungshemmenden Medikamenten ist insbesondere die Physio- und Ergotherapie wichtig, um die Funktion der Extremitäten wiederherzustellen.