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Prozess gegen Schrott-Mafia

Im Herbst vergangenen Jahres hatte das WOCHENBLATT exklusiv über die Schrott-Mafia in der Samtgemeinde Hanstedt berichtet

Den Angeklagten aus dem Landkreis Harburg drohen bis zu zehn Jahren Haft.

(mum). Das WOCHENBLATT hatte exklusiv im Oktober 2015 von Razzien in Hanstedt und Marxen berichtet. Im Visier der Polizei: Hannelore B. (46) aus Hanstedt und ihr damaliger Lebensgefährten Michael R. (52) aus Jesteburg. Jetzt liegt die Anklage vor: Die Staatsanwaltschaft Göttingen hat B. und R. sowie das Ehepaar Uwe (55) und Cornelia F. (51) aus Hanstedt wegen gemeinschaftlichen gewerbsmäßigen Betruges in 74 Fällen angeklagt. Cornelia F. werden 25 Taten zur Last gelegt.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, mit Hilfe von manipulierten Containern ein Unternehmen aus dem Landkreis Göttingen um mehr als 270.000 Euro betrogen zu haben. Die Ermittler waren dem systematischen Abrechnungsbetrug durch die Strafanzeige des geschädigten Gewerbebetriebs auf die Spur gekommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatte das Unternehmen regelmäßig die Firma aus dem Landkreis Harburg mit der Abholung von Altmetallen von seinen Standorten in Südniedersachsen und Nordhessen beauftragt.
Nach einigen Jahren sei der Verdacht aufgekommen, dass die Metallhandelsfirma deutlich mehr Schrott abtransportierte, als sie mit ihrem Auftraggeber abrechnete. Die jetzt angeklagten Betrügereien sollen zwischen Anfang 2011 und Ende 2013 stattgefunden haben.
Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue, der stellvertretende Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen, kommt bei so viel krimineller Energie ins Staunen. „Die Vergehen, die den Beschuldigten vorgeworfen werden, waren gut geplant und äußerst raffiniert. Den Verdächtigten drohen bei einer Verurteilung Haftstraßen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Allerdings soll der Prozess erst im Sommer 2017 beginnen.

Betrüger aus Hanstedt

Der Polizeieinsatz im Oktober vergangenen Jahres war gut vorbereitet. Zeitgleich durchsuchten Polizisten Wohnungen, Büros, Firmengrundstücke und Baustellen an sieben verschiedenen Orten - unter anderem in Marxen und Hanstedt. „Wir haben umfangreiches Material sichergestellt“, bestätigt Oberstaatsanwalt An-
dreas Buick aus Göttingen damals. Er gehe davon aus, dass die Auswertung der Unterlagen mindestens vier Monate dauern wird. Die Schrott-Betrüger waren äußerst raffiniert vorgegangen. Tatsächlich haben die Ermittlungen fast ein ganzes Jahr gedauert. Erst jetzt liegt die Anklage vor.
Die Staatsanwaltschaft Göttingen beschuldigt Hannelore B. (46)aus Hanstedt und ihren Lebensgefährten Michael R. (52, Jesteburg) sowie das Ehepaar Uwe (55) und Cornelia F. (51) aus Hanstedt des gemeinschaftlichen gewerbsmäßigen Betruges in 74 Fällen. Die Straftaten sollen unter anderem über das Unternehmen „Elbe-Metallhandel Ltd“ abgewickelt worden sein, dessen Geschäftsführerin Hannelore B. war. Die Anklage umfasst lediglich die Tatzeiträume 2011 bis 2013, da laut Staatsanwaltschaft nur für diesen Zeitraum eine verlässliche Auswertung der Schäden möglich war. Der Vertrag zwischen dem Geschädigten und den Beschuldigten bestand jedoch seit 2006. In dieser Zeit firmierte der Betrieb unter drei verschiedenen Bezeichnungen.
• Ein Insider erklärt den Trick, mit dem die Beschuldigten ihre Opfer ausgenommen haben sollen. „In der Regel wird ein Lkw nur zu Beginn des Auftrags gewogen. Der trägt einen manipulierten Container, in dem eine 1,5 Tonnen schwere Platte auf dem Boden verschweißt ist. Die Waage zeigt beispielsweise fünf Tonnen an. Später werden Container ohne das zusätzliche Gewicht eingesetzt. Das bedeutet, das Abfuhr-Unternehmen kann pro Container 1,5 Tonnen Schrott mehr abfahren, als abgerechnet wird. Das rentiert sich schnell, denn für eine Tonne Schrott zahlt der Großhandel etwa 200 bis 240 Euro. Für Zugfahrzeug und Hänger macht das ein Plus von gut 500 Euro. Da bis zu drei Touren am Tag möglich sind, kommen da bis zu 1.500 Euro täglich zusammen.“
Laut Ermittlungen wurden allein im Jahr 2012 fast 800.000 Euro an Geldautomaten jeweils im Abstand weniger Tage abgehoben. Die Ermittler hatten bei den Razzien im Herbst gezielt nach den Wiege-Protokollen bei den Großhändlern gesucht, um die Differenz zwischen Ab- und Antransport zu ermitteln. Diese bilden nun die Grundlage der Anklage.
Hannelore B. und Michael R. waren für keine Stellungnahme zu erreichen. Rechtsanwalt Dieter Steuernagel - er vertritt R. - bestätigte auf WOCHENBLATT-Nachfrage die Anzeige gegen seinen Mandaten. „R. wird sich allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht zu den Beschuldigungen äußern“, so der Anwalt. Laut Anklage, die dem WOCHENBLATT vorliegt, besitzt R. ein eindrucksvolles Vorstrafenregister. Er wurde unter anderem wegen Sachbeschädigung, gemeinschaftlichen Diebstahls, fahrlässiger Trunkenheit im Straßenverkehr, Körperverletzung, Vortäuschens einer Straftat und Handelns mit Betäubungsmitteln verurteilt. Der Mitangeklagte Uwe F. kommt immerhin auf acht Voreintragungen - unter anderem wegen Computerbetrugs und Nötigung im Straßenverkehr mit vorsätzlicher Gefährdung.
Im Anschluss an den Straf- wird sich der Zivilprozess anschließen. Das geschädigte Göttinger Unternehmen wird auf Schadenersatz klagen. Außerdem bestätigte Oberstaatsanwalt Frank-Michael Laue, stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen, dass den Beschuldigten weitere Straftaten im Landkreis Harburg und Lüneburg vorgeworfen werden. „Ob hier auch Prozesse eröffnet werden, müssen die jeweiligen Staatsanwaltschaften entscheiden.“


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