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Streitenden fehlt jedes Augenmaß

Mathias Ahrens will sein Recht durchsetzen. Muss er dafür nach Thüringen fahren?

Mathias Ahrens muss für 40-Euro-Verhandlung 850 Kilometer fahren.

Der Deutsche Richterbund hat Anfang des Jahres mehr Personal für Gerichte gefordert. Aktuelle Berechnungen würden zeigen, dass in Deutschland 2.000 Richter fehlen. Das WOCHENBLATT kennt einen Fall, der zeigt, warum die Gerichte überlastet sind. Mathias Ahrens (57) aus Asendorf (Samtgemeinde Hanstedt) wird kurz vor Weihnachten nach Pößneck in Thüringen reisen müssen, um vor Gericht sein Recht durchzusetzen. Von Asendorf aus sind das fast 850 Kilometer für Hin- und Rückweg. Dazu kommen noch Übernachtungskosten. „Ich gehe davon aus, dass mich die Tour bestimmt bis zu 500 Euro kosten wird“, sagt Ahrens. „Zum Glück bin ich Rentner, denn sonst würde ich auch noch Verdienstausfall geltend machen.“ Vermutlich wäre das alles kein Problem, wenn es nicht um einen Streitwert in Höhe von 40 Euro ginge.
Ahrens hatte versucht, die Angelegenheit schriftlich zu klären. Doch Richter Olaf Opitz, er ist für das Verfahren vor dem Amtsgericht Pößneck zuständig, besteht darauf, dass die beiden streitenden Parteien in seiner Amtsstube erscheinen. „Das ist natürlich sehr ärgerlich für mich. Aber das ziehe ich jetzt durch“, so Ahrens. Er habe mit vier Anwälten aus der Region gesprochen und sie gebeten, ihn zu vertreten. „Sie haben alle gesagt, dass sie nicht bereit sind, für einen so geringen Streitwert zu arbeiten.“ Also vertritt sich Ahrens selbst.
Ahrens hatte im Juni Ersatzteile im Wert von 70 Euro für sein altes Wohnmobil bei einem Händler in Thüringen bestellt - online. Obwohl er laut eigenen Angaben die Ware sofort bezahlt hatte, wartete er trotz mehrfacher Nachfragen bis Mitte August auf die Sendung. „Die Lieferung war nicht nur unvollständig, sondern auch kaputt“, so Ahrens. Er forderte den Händler auf, das Geld zu erstatten. Dem sei der Händler trotz gesetzter Frist nicht nachgekommen. Ahrens brachte einen Mahnbescheid auf den Weg. Das zeigte Wirkung. Der Händler überwies die 70 Euro, allerdings nicht die 40 Euro, die der Mahnbescheid kostete. Um diese 40 Euro geht es jetzt.

Und dieser Aufwand wegen nur 40 Euro

Es geht nur um 40 Euro! Um die Kosten für einen Mahnbescheid erstattet zu bekommen, muss der Asendorfer Mathias Ahrens am kommenden Mittwoch, 21. Dezember, nach Pößneck in Thüringen reisen. „Für mich bedeuten das Kosten von bis zu 500 Euro“ so Ahrens. „Ich habe den Richter gebeten, einer schriftlichen Verhandlung zuzustimmen. Ohne Erfolg.“
Richter Opitz war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sein Vorzimmer war übrigens nicht einmal bereit, seinen Vornamen zu verraten. „Dazu bin ich nicht befugt“, hieß es. Dank Google-Recherche konnte der aber herausgefunden werden - der Jurist heißt Olaf Opitz. Etwas auskunftsfreudiger war hingegen Georg Götz, Direktor des Amtgerichts Pößneck: „Ich würde es begrüßen, wenn der Prozess schriftlich abgewickelt wird. Für eine Verhandlung mit Anwesenheitspflicht besteht keine Notwendigkeit“, so Götz. „Allerdings obliegt diese Entscheidung ganz allein dem zuständigen Richter.“

Kommentar

Dieser Streit gehört nicht vor Gericht
Inzwischen dürften selbst die Portokosten höher sein als der Streitwert. Allein diese Tatsache sollte allen Beteiligten verdeutlichen, dass diese Auseinandersetzung vor Gericht nichts verloren hat. Doch wenn zwei Männern die notwendige Reife fehlt, sich zu einigen, dann - das ist meine Meinung - muss ein Richter eingreifen. Doch offensichtlich scheint auch Richter Opitz hier die Vernunft abhanden gekommen zu sein. Statt zügig auf dem schriftlichen Weg ein Urteil herbeizuführen, besteht Opitz auf ein mündliches Verfahren. Mit teuren Folgen: Sollte Ahrens nämlich im Recht sein, dann muss der Ersatzteilhändler ihm nicht nur die 40 Euro zahlen, sondern auch die Gerichts- sowie Reisekosten.
Ich unterstelle dem Richter, dass sein Schreibtisch nicht vor Akten überquillt, anderenfalls würde er sicher nicht wegen einer solchen Lappalie die „Muskeln spielen lassen“.
Sascha Mummenhoff