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„Unter Jesteburg haben wir alle gelitten“

„Auf Wiedersehen“ steht am Ausgang der Oberschule Hanstedt. Das gilt jetzt auch für Susanne Graßhoff. Die Schulleiterin wird am Dienstag in den Ruhestand verabschiedet

Susanne Graßhoff, Leiterin der Oberschule Hanstedt, geht in den Ruhestand und schaut im WOCHENBLATT-Interview auf ein spannendes Jahrzehnt zurück.

mum. Hanstedt. Susanne Graßhoff (61) konnte 2008 wohl kaum in einer schwierigeren Situation die Leitung der Haupt- und Realschule in Hanstedt antreten. Nachdem ihr Vorgänger Friedrich Fenner 19 Jahre lang auf der Kommandobrücke stand, begann ihre Amtszeit damit, den Umzug in ein neues Schulgebäude zu koordinieren. Die Bildungsstätte war damals die erste Einrichtung im Landkreis, die als Public-Private-Partnership-Projekt gebaut wurde. Bereits wenig später folgten die Vorbereitungen zur Umwandlung in eine Oberschule. Als 2012 die Oberschule Jesteburg mit einer in der Schullandschaft wohl einmaligen PR-Kampagne an den Start ging, musste Graßhoff dann um das Überleben ihrer Schule kämpfen. Die Anmeldezahlen sanken dramatisch. Doch Graßhoff, die am Dienstag offiziell in den Ruhestand verabschiedet wird, ist es gelungen, das Schiff wieder auf Kurs zu bringen.
Mit WOCHENBLATT-Redakteur Sascha Mummenhoff schaut Susanne Graßhoff auf ein bewegtes Jahrzehnt zurück.

WOCHENBLATT: Sie gehen früher in den Ruhestand als Sie müssten. Hat Sie die Oberschule geschafft?
Susanne Graßhoff: „Nein, mit Sicherheit nicht! Es sind rein private Gründe und der jetzige Zeitpunkt passt dienstlich auch gut. Die letzten Haupt- und Realschulklassen wurden am 16. Juni entlassen, die neue Schulform und der Ganztagsbetrieb sind aufgebaut.“

WOCHENBLATT: Sie übernahmen die Leitung der Oberschule in einer spannenden Phase. Wie bewerten Sie die Situation heute?
Graßhoff: „Übernommen habe ich eine Haupt- und Realschule – zwei getrennte Schulformen unter einem Dach mit Halbtagsunterricht und festen Schulbezirken. Spannend war zu dem Zeitpunkt nur das neue Schulgebäude. Die Entscheidung für die Einführung der Oberschule fiel erst später. Im Sommer 2011 erhielten wir auf unseren Antrag die Genehmigung des Schulträgers und konnten mit der Planung beginnen, Start war am 1. August 2012. Schon damals waren die Schülerzahlen an der Hauptschule stark rückgängig und die Weiterführung dieser Schulform nicht mehr möglich. Ein neues Angebot musste geschaffen werden. Die Begleitumstände waren sehr unglücklich - Aufhebung der Schuleinzugsgebiete, kostenlose Schulbusnutzung zu jeder gewählten Schule des Landkreises sowie die Konkurrenzsituation mit der Oberschule Jesteburg und den Integrierten Gesamtschulen.“

WOCHENBLATT: Sie waren fast 40 Jahre als Lehrerin tätig? Wie haben sich die Schüler im Lauf dieser Zeit verändert?
Graßhoff: „Kinder und Jugendliche wachsen heute in anderen gesellschaftlichen Bezügen auf - meistens arbeiten beide Elternteile. Die Freizeitmöglichkeiten haben sich durch Handy und PC stark verändert. Das miteinander Sprechen, das Lesen, das freie Spielen haben einen geringeren Anteil im Familien- und Freizeitbereich. Die Basisfähigkeiten wie Zuhören, Regeln einhalten und Feinmotorik sind nicht mehr bei allen Kindern vorhanden. Konzentrationsfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen, Bereitschaft zum Üben müssen entwickelt und unterstützt werden.“

WOCHENBLATT: Und wie wirkt sich das auf den Unterricht aus?
Graßhoff: „Schule hat vermehrt Erziehungsarbeit neben der Vermittlung von Wissen zu leisten. Das Unterrichtsangebot muss differenziert und zum Lernen anregend aufgebaut werden. Der Einsatz von modernen Medien unterstützt diesen Anspruch, doch darf der Blick auf den Schüler mit seinen persönlichen Fähigkeiten und eventuell seinen aktuellen persönlichen Problemen nicht verloren gehen. Heterogene Lerngruppen müssen unterrichtet werden - ehemals Haupt– und Realschüler, Gymnasiasten, Inklusionsschüler und in den letzten beiden Jahren auch Flüchtlingskindern.“

WOCHENBLATT: Was unterscheidet die Oberschule von anderen vergleichbaren Einrichtungen?
Graßhoff: „Unser gemeinsames Ziel ist ein bis zum Schluss offenes System. Wir fallen nicht in das alte, getrennte System zurück und trennen nach Klasse 8 in einen Hauptschul– und einen Realschulzweig. Im ersten Jahrgang zeigt sich, dass diese Entscheidung richtig war. Nur drei Schüler verlassen die Schule mit dem Hauptschulabschluss nach Klasse 9.“

WOCHENBLATT: Die Oberschule Hanstedt setzt stark auf externe Partner - auch aus der Wirtschaft. Was versprechen Sie sich davon?
Graßhoff: „Dadurch möchten wir das Angebot zur beruflichen Orientierung erweitern und verbessern. Schüler sollen möglichst zielgerichtet und mit Kenntnissen aus der betrieblichen Praxis ihren Beruf wählen können.“

WOCHENBLATT: Nach dem Start der Oberschule in Jesteburg gingen die Anmeldezahlen zurück, obwohl in Hanstedt hervorragende Arbeit geleistet wurde. Wie erklären Sie sich das?
Graßhoff: „Gelitten haben alle an der Schule - das Kollegium und auch wir als Schulleitung. Die Oberschule Jesteburg wurde im Vorfeld, bevor eine einzige Unterrichtsstunde gehalten wurde, hoch gelobt. In diesem Jahr werden dort die ersten Hauptschulabschlüsse erteilt, erst im nächsten Jahr kann man anhand der prozentualen Anteile von erreichten Abschlüssen einen direkten Vergleich ziehen. Immer mehr wird den Eltern bewusst, dass in Jesteburg kein Abitur gemacht werden kann. Die Oberstufe war gemäß niedersächsischem Schulgesetz nie für die Oberschulen vorgesehen. Die Jesteburger Schüler müssen genau wie unsere Schüler an eine andere Schule wechseln, um dann ihr Abitur zu machen.“

WOCHENBLATT: An welches Erlebnis als Lehrerin oder Schulleiterin erinnern Sie sich besonders gern zurück?
Graßhoff: „Ein Erlebnis besonders hervorzuheben fällt mir schwer. Einmalig war natürlich die Planung und der Bezug der neuen Schule. Wichtiger sind mir aber die vielen kleinen alltäglichen Erlebnisse mit Schülern und Kollegen, das gemeinsame Lachen, die Abschlussfeiern, wenn mir bewusst wird, welch spannende Entwicklung vom Fünftklässler zum Abschlussschüler wir gefördert haben und begleiten durften. Aber auch viele Elterngespräche, wenn wir gemeinsam Lösungen aus manchmal ausweglos erscheinenden Situationen finden konnten.“

WOCHENBLATT: Und was fangen Sie mit Ihrer neuen Freizeit an?
Graßhoff: Neben spontanen Reisen im Wohnmobil werden mein Mann und ich das vielfältige Angebot in Lüneburg und Hamburg wahrnehmen - da gibt es noch viel zu entdecken! Außerdem möchte ich mehr draußen in der Natur sein, ob beim Spaziergang mit dem Hund, im Garten oder auf längeren Wanderungen. Das Treffen mit Freunden ist in den letzten Jahren auch zu kurz gekommen. Und endlich die Bücher lesen, die auf dem Stapel liegen!“

WOCHENBLATT: Danke für das Gespräch.

Auf ein Wort

Der Trend: Wieder dreizügig!
Susanne Graßhoff musste kämpfen. Nach dem Start der Oberschule Jesteburg brachen die Anmeldezahlen ein. Hanstedter Eltern muteten ihren Kindern lieber eine lange Bustour zu, statt sie in die nahe Oberschule zu schicken. Der Landkreis befeuerte diesen irrwitzigen Schultourismus auch noch. Die Konsequenz war, dass die Oberschule um ihre Existenz kämpfen musste. Doch dank des engagierten Lehrerkollegiums um Schulleiterin Graßhoff zeigt der Daumen wieder nach oben. Derzeit besuchen 300 Jungen und Mädchen die Oberschule. Jeder Jahrgang ist gesichert zweizügig. Noch wichtiger ist, dass mehr als die Hälfte der Schülerschaft Hanstedt mit einem Erweiterten Realschulabschluss verlässt. Die individuelle Förderung trägt Früchte. Das spricht sich herum. Immer mehr Schüler wechseln während des Schuljahres nach Hanstedt. Aus der benachbarten Grundschule kommen nahezu alle Kinder an die Oberschule. Sogar eine Dreizügigkeit ist wieder in greifbarer Nähe. Das alles ist auch ein Verdienst der scheidenden Schulleiterin. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Trend auch unter der neuen Schulleitung fortsetzt.
Sascha Mummenhoff