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Das Schul-Dilemma im Landkreis Harburg

Der Landkreis muss jährlich 11,5 Millionen Euro für den Schulbus-Verkehr aufwenden (Foto: Archiv)

Misst der Landkreis Harburg mit zweierlei Maß? Während für Gymnasien sowie für Gesamt- und Förderschulen Regeln in puncto Aufnahme von Schülern gelten, sind Oberschulen „vogelfrei“. Das hat nicht nur finanzielle Konsequenzen wie stetig steigende Beförderungskosten, sondern wirkt sich auch fatal auf einzelne Schulstandorte im Landkreis Harburg aus.

(mum). Zahlen lügen nicht: Der Landkreis Harburg muss jedes Jahr mehr Geld für die Schülerbeförderung aufwenden. Waren es 2010 noch 8,6 Millionen Euro, so rechnet der Kreis für 2017 mit 11,5 Millionen Euro. Die Preis-Explosion ist jedoch nicht etwa auf mehr Schüler zurückzuführen. „Die Zahl der Jungen und Mädchen, die jedes Jahr transportiert werden müssen, bleibt nahezu unverändert“, sagt Landkreis-Sprecher Johannes Freudewald. Die wahren Gründe liegen auf der Hand: Jungen und Mädchen werden ohne erkennbaren Anlass morgens und nachmittags quer durch den Landkreis chauffiert. Sie besuchen nicht etwa die Schule in ihrer Nähe, sondern mitunter eine am anderen Ende des Landkreises.

Ein paar Beispiele: In Buchholz gab es für das Schuljahr 2015/16 405 Fünftklässler. Alle - bis auf 15 - blieben in Buchholz und verteilten sich auf die dortigen Schulen. So soll es sein. In Jesteburg gab es im selben Jahr 117 Schüler. Trotz des gymnasialen Zweigs der Oberschule verblieben nur 38 Kinder in Jesteburg. Dennoch ist die Oberschule vierzügig. Das gleiche wiederholt sich nach den Sommerferien. Dann stammen gerade einmal 44 Prozent der neuen Oberschüler aus Jesteburg. Nach Jesteburg kommen Teenager aus Hanstedt (33 von 92), Seevetal und Buchholz. Die Folgen sind steigende Kosten nicht nur beim Bustransfer, sondern auch bei der Infrastruktur. Während Jesteburg aus allen Nähten platzt, gehört Hanstedt laut Freudewald zu den „bedrohten“ Schulen.
In Hanstedt gibt es ein anderes Phänomen. Der Jahrgang, der 2012 mit nur 31 Kindern gestartet ist (Gründung Jesteburg), zählt inzwischen 51 Jungen und Mädchen. Der Trend, dass Schüler anderer Einrichtungen im Laufe ihres Schullebens nach Hanstedt wechseln, sei häufig zu beobachten, bestätigt Schulleiterin Susanne Graßhoff.

Das Problem ist hausgemacht. Die Kreis-Politiker haben die Regeln selbst formuliert. Dazu gehört unter anderem, dass die Integrierten Gesamtschulen pro Jahrgang von nicht mehr als 150 Kindern besucht werden dürfen (das hat der Kreistag im Juni 2009 einstimmig beschlossen). So eine Regelung ist laut Freudewald für Oberschulen nicht zulässig. Wohl aber Schuleinzugsbezirke, die für Gymnasien gelten. Wer in Handeloh wohnt, darf nicht etwa nach Buchholz auf eines der beiden Gymnasien gehen, sondern muss nach Tostedt. Ausnahmen bestätigen die Regel. „Nur in Ausnahmefällen ist der Besuch von Gymnasien in anderen Orten möglich“, so Freudewald. „Etwa bei speziellen Angeboten, die vor Ort nicht abgedeckt werden.“ Eine konsequente Überprüfung und Kontrolle finde im Rahmen der Ausstellung der Schülerfahrkarten statt.

Obwohl die Politik bei den Gymnasien - und auch für Förderschulen - diese Regeln 2013 bestätigte, gelten für Oberschulen keine Regeln. Hinter vorgehaltener Hand kritisieren Kenner der Schullandschaft, dass die Oberschule in Jesteburg, die im September 2012 an den Start ging, als einzige Einrichtung davon profitiere. Vielleicht um sie absichtlich zu stärken? Fakt ist, ohne die „auswärtigen“ Schüler, wäre Jesteburg nur knapp zweizügig - und somit auch „bedroht“.

• Bereits am Mittwoch hatte das WOCHENBLATT von Eltern wissen wollen, welche Gründe bei der Schulwahl für sie eine Rolle gespielt haben? Ergänzend möchten wir wissen, wie Eltern über Schuleinzugsbezirke denken. Bitte schreiben Sie uns eine E-Mail an mum@kreiszeitung.net. Bitte nennen Sie uns Ihren Namen und in welche Klasse Ihr Kind geht. Ihre Daten werden vertraulich behandelt und nicht veröffentlicht.

Kommentar

Hier ist Courage vonnöten!
Das Thema „Schuleinzugsbezirke“ ist nicht sexy - vor allem nicht, wenn Wahlen kurz bevor stehen. Welcher Politiker möchte schon Eltern erklären müssen, dass er ihrem Kind die „freie Schulwahl“ nehmen will?
Aber: Wer sich die Zahlen und Fakten objektiv ansieht, muss zu dem Schluss kommen, dass neue Regeln dringend erforderlich sind. Die Landkreis-Politik hat für Gesamtschulen Obergrenzen beschlossen. Für die Gymnasien gelten Einzugsbezirke - auch das war eine politische Entscheidung. Vor dem Hintergrund steigender Kosten gibt es jetzt keinen Grund, die Oberschulen anders zu behandeln. Für die Millionen von Euro, die heute für den Transport von Teenagern aus dem Fenster geworfen werden, gibt es bestimmt eine sinnvollere Verwendung. Doch welcher Politiker hat die Courage, dieses heiße Eisen anzupacken?
Sascha Mummenhoff