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Lizenzen als Druckmittel: Deutscher Olympischer Sport Bund fordert Ehrenkodex von Übungsleitern

Hilft der neue Ehrenkodex wirklich, Kinder vor jeglichem Missbrauch zu schützen?
 
Ronald Bohn, Vorsitzender des TSV Sprötze
(mum). „Dieses Papier ist totaler Unsinn“, sagt Ronald Bohn. Der Vorsitzende des TSV Sprötze ist mächtig auf Zinne. Grund seines Zornes ist eine neue Verordnung des Deutschen Olympischen Sport Bundes (DOSB) sowie des Niedersächsischen Turner-Bunds (NTB). Vereins-Trainer, die künftig eine Lizenz erwerben möchten oder die bereits erlangte Bescheinigung verlängern wollen, müssen laut Bohn einen so genannten Ehrenkodex unterschreiben. Wer dies nicht tut, steht ohne Lizenz da. „Dadurch gehen den Vereinen und letztlich auch den Trainern viel Geld verloren“, so Bohn.
Hintergrund für die neue Regelung sind Enthüllungen und öffentliche Diskussionen seit einigen Jahren, mit denen ein Tabu gebrochen wurde. Sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen - überwiegend im familiären Umfeld, aber eben nicht nur dort - wird nicht mehr verschwiegen. Statistisch machen etwa 20 Prozent der Mädchen und 15 Prozent der Jungen Missbrauchserfahrungen. Die Täter sind auch Heranwachsende, nicht nur Erwachsene.
Sportvereine üben dabei auf Pädophile eine große Anziehungskraft aus. Sie spekulieren auf günstige Gelegenheiten - etwa bei gemeinsamen Fahrten mit Übernachtungen, beim Duschen oder Umkleiden und anderen Situationen. Täter suchen sich gerade Sportvereine aus, weil sie dort eine große Auswahl an Kindern und Jugendlichen haben, heißt es seitens der Verbände.
In dem Kodex, der insgesamt zwölf Punkte umfasst, steht unter anderem: „Ich gebe dem persönlichen Empfinden der mir anvertrauten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen Vorrang vor meinen persönlichen sportlichen und beruflichen Zielen“ oder „Ich werde das Recht der mir anvertrauten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf körperliche Unversehrtheit achten und keine Form der Gewalt, sei sie physischer, psychischer oder sexueller Art, ausüben“.
Ronald Bohn hält den Ehrenkodex für überflüssige Bürokratie: „Einem Pädophilen ist es doch ganz gleich, was er unterschreibt“, sagt der Vereinsvorsitzende. „Selbstverständlich müssen wir alles tun, um unsere Kinder und Jugendlichen zu schützen, doch so ein Papier täuscht doch nur Sicherheit vor.“ Die Übungsleiter des TSV Sprötze hätten laut Bohn daher entschieden, den Kodex nicht zu unterschreiben. „Wenn es hart auf hart kommt, werden uns pro Trainer bis zu 200 Euro im Monat gestrichen.“
Übrigens: Der Kreissportbund Barnim (Brandenburg) geht noch einen Schritt weiter: Dort müssen die Vereine einen Verantwortlichen für den Kinderschutz benennen, alle Vereinsvertreter einen Ehrenkodex zum Umgang mit den Kindern und Jugendlichen unterzeichnen und die Trainer und Übungsleiter sogar ein eintragloses, erweitertes Führungszeugnis vorlegen.

Kommentar:

Pädophilen wäre der Kodex egal
Ich bin jetzt seit 22 Jahren Jugendtrainer - ohne jemals einen Ehrenkodex abgelegt zu haben. Ich frage mich, warum ich so ein Papier jetzt auf einmal unterschreiben sollte. Ich bin mir meiner Verantwortung gegenüber den Jugendlichen bewusst. Muss ich das jetzt einem Verband schriftlich bestätigen?
Wenn mir diese Verantwortung egal wäre, dann würde es mich auch nicht scheren, was ich unterschreibe - oder?
Sicher, Verbände müssen reagieren, um nicht der Untätigkeit beschuldigt zu werden. Aber bitte kein blinder Aktionismus. Und schon gar nicht sollten die Lizenzen als Druckmittel missbraucht werden.
Eltern sind froh, wenn ihre Kinder von Übungsleitern trainiert werden, die Zeit in ihre qualifizierte Ausbildung investieren. Davon gibt es nämlich viel zu wenig.
Sascha Mummenhoff