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Empfang der offenen Worte

Sie veranstalteten den Empfang (v. li.): Sonja Mohr, Ellen Kasper (Kirchengemeinde), Samtgemeinde-Bürgermeister Hans-Heinrich Höper, GeWerbekreis-Chef Andreas Kroll, Mirja Albrecht (Vorsitzende Reit- und Fahrverein) und Bürgermeister Udo Heitmann
 
Gestalteten den musikalischen Teil des Neujahrsempfangs: Paul-Gerhardt Schneider sowie Friederike (li.) und Mirjam Ophüls

Gemeinde-Direktor Hans-Heinrich Höper und Pastorin Ellen Kasper halten während des Jesteburger Neujahrsempfangs bemerkenswerte Reden.

mum. Jesteburg. Dieser Jesteburger Neujahrsempfang, der gemeinsam von Kirchengemeinde, politischer Gemeinde, GeWerbekreis und allen Jesteburger Vereinen organisiert wurde, wird als "Empfang der offenen Worte" in Erinnerung bleiben. Statt der freundlichen aber doch recht inhaltlosen Reden, die häufig anlässlich solcher Treffen gehalten werden, nutzten vor allem Pastorin Ellen Kasper und Samtgemeinde-Bürgermeister Hans-Heinrich Höper den Sonntagabend im Gemeindehaus für eindringliche Appelle.
Höper forderte die Jesteburger auf, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. "Ich mache mir Sorgen, wie in unserer Gesellschaft die Prioritäten gesetzt werden", so Höper. Dabei denke er insbesondere an die Umsetzung von sozialen Projekten. "Wo soll die neue Krippe entstehen? Bitte nicht bei mir vor der Haustür. Kinderlärm ist doch Krach; aber der Sound der eigenen Harley nicht." Der Gemeindedirektor weiter: "Ich habe den Eindruck, dass manch einer denkt, nur weil er lauter redet, habe er auch die besseren Argumente."
Außerdem informierte Höper darüber, dass der Einkommensteueranteil in Jesteburg bei durchschnittlich 381,85 Euro liege. Das mache bei 11.000 Einwohnern fasst 1,5 Millionen Euro aus. "Uns geht es hier wirklich gut", so der Gemeindedirektor. Der Landesdurchschnitt liege bei 266,44 Euro (1,3 Millionen Euro). "Manchmal möchte ich Bürger und Ratsmitglieder in einen Bus laden und mit ihnen in strukturschwache Regionen fahren, damit man mal erfährt, was echte Probleme sind."
Schließlich forderte Höper alle Bürger auf, sich an den Plänen zur Ortsgestaltung im Zuge des Projekts "Jesteburg 2020" zu beteiligen. "Mit dem Kauf des Clement-Arals sowie des Kunsthauses haben wir die Grundlagen geschaffen."
Noch deutlicher wurde Ellen Kasper in ihrer Predigt. Sie erzählte von zwei Redakteuren, die sich als Obdachlose ausgegeben hatten und sowohl in einer sehr vornehmen Gegend als auch in einem sozialen Brennpunkt um Hilfe baten. Ihr - etwas vereinfachtes - Fazit: Während die Reichen wegschauten, bemühten sich die sozial Schwachen darum, dem Paar unter die Arme zu greifen. "Ich frage mich, wie die beiden Journalisten wohl in Jesteburg aufgenommen worden wären", so Ellen Kasper. "In einer Gemeinde, die ein Bürgerbegehren benötigt, um zu entscheiden, ob man lieber bei Edeka oder Famila einkauft." Und damit noch nicht genug. Die Pastorin berichtete von der jüngsten Tannenbaumaktion. Einen Tag vor dem Neujahrsempfang hatte die Jugendgruppe der Kirche überall im Dorf ausgediente Tannenbäume abgeholt und dabei um eine Spende gebeten. Die Jugendlichen machten die Erfahrung, dass "die Bewohner mit den größten Gärten und höchsten Mauern wirklich nur die geforderten zwei Euro spendeten, während andere den Betrag großzügig aufrundeten."
Und auch das passte zum kritischen Neujahrsempfang: Zwischen den einzelnen Redebeiträgen gestalteten Paul-Gerhardt Schneider sowie Friederike und Mirjam Ophüls ein anspruchsvolles Klassikprogramm. Allerdings war den Gästen eher nach geselliger Unterhaltung. Schließlich fasste sich der 83-jährige Pianist Schneider ein Herz, griff zum Mikrophon und bat um Ruhe. "Auch wir Künstler möchten mit ihnen kommunizieren. Unser Wort ist die Musik. Bitte hören sie uns zu."