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Eschentriebsterben: Viele grüne Riesen kränkeln

Anette Schneider aus Jork macht sich Sorgen: "Der Anblick kranker Bäume tut mir regelrecht weh"
bc. Landkreis. "Mein Freund der Baum ist tot!" Würde Anette Schneider den Evergreen von Schlagersängerin Alexandra heute hören, ihr schösse vermutlich das Wasser in die Augen. Die Naturfreundin aus Jork beobachtet mit großer Sorge, dass in ihrer Umgebung immer mehr grüne Riesen kränkeln oder gar komplett sterben: "Der Anblick kranker Bäume tut mir regelrecht weh", sagt die 48-Jährige. Viele Arten seien befallen: Birken, Tannen, aber vor allem Eschen. An den Straßen im Alten Land seien Dutzende Eschenbäume krank, klagt Anette Schneider.

Was steckt dahinter? Das sogenannte Eschentriebsterben breitet sich seit einigen Jahren in weiten Teilen Europas aus, auch die Landkreise Stade und Harburg sind betroffen. Einzelne Bäume wie ganze Waldbestände drohen, unaufhaltsam abzusterben. "Es gibt mehr oder weniger stark betroffene Waldbestände", sagt Landkreissprecher Christian Schmidt.

Die Entwicklung sei besorgniserregend, da Eschenbestände ökologisch besonders wertvoll seien. Wie zum Beispiel die Erlen-Eschen-Auenwälder im Auetal (Landkreis Stade), die einen hohen Schutzstatus nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtline der EU genießen. Offensichtlich existieren aber auch resistente Bäume innerhalb von betroffenen Waldgebieten, so Schmidt.

Der Verursacher der Eschen-Krankheit ist ein mikroskopisch kleiner Pilz. Dessen Sporen werden durch den Wind verbreitet. Junge und alte Eschen auf allen Standorten sind gleichermaßen gefährdet. Bei befallenen Bäumen lichtet sich zunächst die Krone, Blätter und Zweige sterben ab. Schließlich stirbt der geschwächte Baum komplett.

"90 bis 95 Prozent der Eschenbestände in Deutschland sind krank", sagt Carsten Böhm, Mitglied im NABU-Vorstand in Niedersachsen. Der Pilz habe sich Anfang der 2000er Jahre sprunghaft von Polen ausgehend in alle Richtungen Europas verteilt. "Wahrscheinlich stammt er aus Indien", so Böhm.

Nicht nur die Esche, auch über Millionen von Jahren entwickelte heimische Arten wie die Eiche (Mehltau), die Ulme und Erle seien zunehmend durch eingeschleppte Pilzarten bedroht. "Die Globalisierung fordert ihre Opfer", sagt Böhm. Ein immenser Schaden für die Forstwirtschaft.

Das kann Michael Haarhaus, Chef der Forstverwaltung Wiegersen, mit 675 Hektar der größte Privatwald im Landkreis Stade, bestätigen. "Wir beobachten den Eschenbefall seit drei bis vier Jahren", sagt Haarhaus. In diesem Jahr sei der Zeitpunkt erreicht, dass viele Bäume kaum noch Laub tragen.

Um das Holz überhaupt noch auf dem Markt loszuwerden, müssten zwei Drittel der 50 Hektar Eschen in den kommenden Wochen gefällt werden - sofern es die Witterung zulässt. Der Einschlag von Eschen, die auf nassen Standorten wachsen, ist nur in Trockenphasen möglich. "Wir haben mit den Fällungen bereits angefangen", berichtet Haarhaus. Andernfalls wäre das Holz unbrauchbar geworden, kein Kunde würde es abnehmen. Haarhaus: "Sicherlich werden wir nicht wieder mit Eschen aufforsten."
Eschenholz ist laut Haarhaus in Deutschland wenig nachgefragt, ein Großteil werde exportiert.

Auch Anette Schneider musste bereits eine tote Esche in ihrem Garten fällen lassen: "Ich habe Angst, dass der Pilz bald alle Bäume befällt."