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Hier ruht das alte Hamburg

Kreisarchäologe Daniel Nösler mit einem Stuckornament einer Hausfassade, die im Bombenhagel des 2. Weltkriegs zerstört wurden
bc. Jork."Schauen Sie! Das ist ja spannend", ruft Daniel Nösler dem WOCHENBLATT-Reporter zu und fischt ein seltsam zerschmolzenes Stück Glas aus dem Elbschlick. "Vielleicht ein Teil einer Schmuckschale", sinniert der Archäologe des Landkreises Stade. In welchem Haushalt die wohl mal gestanden hat?

Am Ufer des großen Stroms bei Jork-Borstel schlummern Tausende, wenn nicht Millionen solcher kleinen und großen Schätze: Ornamente von Hausfassaden, verrostete Motorteile und Heizkörper, Straßenlaternen, Porzellanscherben, verzierte Fliesen, völlig verformte Glasklumpen, massive Stahltüren. Stünde hier ein Hinweisschild, müsste darauf stehen: "Hier ruht das im 2. Weltkrieg zerstörte Hamburg." Ein Elb-Spaziergang, der spannender nicht sein könnte.

Nach und nach gibt der Fluss das alte Hamburg frei. Nach jeder Sturmflut werden neue "Zeitzeugen" des Feuersturms ans Ufer gespült. Bei Niedrigwasser können Hobby-Archäologen den Schlick durchkämmen. Alles fing im Frühjahr 2011 an, als Spaziergänger auf zwei Fragmente jüdischer Grabsteine mit hebräischen Schriftzeichen stießen. Was wiederum Daniel Nösler auf den Plan rief.

Seine Recherchen ergaben Erstaunliches. Hamburg entsorgte nach 1945 zig Tausende Tonnen Kriegsschutt an der Elbe. Mit Binnenschiffen luden sie auf einer Länge von acht Kilometern Trümmerteile am Ufer des Altes Landes ab. Ein zwanzig Meter breiter und drei Meter hoher Küstenschutz. "So wurden quasi zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen war man den Schutt los, zum anderen dienten die Trümmer als Uferbefestigung", erklärt Daniel Nösler.

Für den Archäologen ist der Elbstrand von der Lühe-Mündung bis Hahnöfersand eine wahre Fundgrube. Die Millionen Ziegelsteine aus dem 19. Jahrhundert, mit denen die Stadt nach dem großen Feuer von 1842 wieder aufgebaut wurde, sind weniger interessant wie die kleinen ideellen Kostbarkeiten. "Wir haben schon geschmolzene Glasperlenketten gefunden", erzählt Daniel Nösler.

Die Grabsteinfragmente befinden sich unterdessen im Magazin der Kreisarchäologie in Agathenburg. Im Frühjahr können sie Interessierte im Stader Schwedenspeicher bewundern. Danach werden sie wieder ihrem Ursprung auf dem Jüdischen Friedhof in Altona zugeführt. Die Millionen anderer Artefakte bleiben am Elbstrand.