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Traditionslokal vor finanziellem Kollaps

Die Betriebsgesellschaft funkt SOS
bc. Grünendeich.Über dem Altländer Traditionslokal „Zur schönen Fernsicht“ schwebt das Damoklesschwert der Zahlungsunfähigkeit. Die Betriebsgesellschaft der Gaststätte, die sich im Eigentum der Gemeinde Grünendeich befindet und die erst kürzlich mit einer Million Euro Steuergeld hergerichtet wurde, hat Insolvenz angemeldet. „Ich gehe davon aus, dass das Verfahren eröffnet wird“, sagt der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Malte Köster.

Laut Geschäftsführer Johann Frese, gleichzeitig ehrenamtlicher Bürgermeister in Grünendeich, übersteigen die Verbindlichkeiten „in einem überschaubarem Maß“ das eingezahlte Stammkapital der mehr als 30 Gesellschafter, zu denen neben vielen Privatleuten auch die Gemeinde Grünendeich gehört: „Die GmbH hat bilanzmäßig zu viele Schulden“, so Frese wörtlich gegenüber dem WOCHENBLATT. Das Stammkapital beträgt nach seinen Angaben 147.000 Euro. Offene Rechnungen bei Lieferanten gebe es jedoch nicht, so der Geschäftsführer.

Dr. Malte Köster will die Aussage von Frese nicht bestätigen. Er müsse sich zunächst einen Überblick über Schulden und Vermögen der Gesellschaft verschaffen. In einer Pressemitteilung der Bremer Kanzlei „Willmer & Partner“ heißt es: „Hintergrund der finanziellen Schieflage des Gastronomiebetriebs ist eine anhaltende Verlustsituation, die nicht länger kompensiert werden konnte.“ Im Klartext: Die Kneipe ist ein Minusgeschäft, die Auslastung reicht offenbar nicht aus.

Gäste und Gastronomie-Insider hatten schon länger mit diesem Schritt gerechnet. „Es ist genau das eingetreten, was ich immer gesagt habe. Ein Restaurant braucht einen Gastronom und keinen Geschäftsführer. Jetzt hat die Gemeinde den Laden an der Backe“, sagt ein erfahrener Gastwirt aus dem Alten Land, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Rückblick: Die „Fernsicht“ befindet sich seit mehr als 30 Jahren im Eigentum der Gemeinde Grünendeich. Erst kürzlich wurden das markante Gebäude und die Außenflächen mit rund einer Million Euro Steuergeld saniert. Rund 200.000 Euro schoss ein Mäzen dazu. Die neu gegründete GmbH, zu deren Gesellschafter viele Privatleute und die Gemeinde selbst gehören, pachtete die Gaststätte nach längerem Leerstand vor zwei Jahren von der Gemeinde.

Bei ihrer jüngsten Versammlung lehnten die Gesellschafter nun mehrheitlich eine Kapitalerhöhung ab. Für Geschäftsführer Johann Frese das Signal, die Reißleine zu ziehen. Grünendeichs Bürgermeister erklärte sich vor gut einem halben Jahr aus der Not heraus bereit, den Geschäftsführerposten zu übernehmen. Der bisherige Geschäftsführer kündigte seinerzeit überraschend unter Angabe persönlicher Gründe.

Insolvenzverwalter Malte Köster betont, dass eine Insolvenz nicht zwangsläufig das Ende eines Unternehmens bedeuten muss: „Wenn rechtzeitig gehandelt wird, bieten sich Chancen für einen Neuanfang.“ Nach einem ersten Überblick habe er den Eindruck, dass die „Schöne Fernsicht“ gut auf das Insolvenzverfahren vorbereitet sei und Sanierungschancen bestünden.

Der laufende Gaststättenbetrieb werde zunächst normal fortgeführt, so Köster. Keine gebuchte Veranstaltung müsse ausfallen. Löhne und Gehälter der rund 20 Mitarbeiter seien bis Ende April gesichert. Das ausstehende Februar-Salär werde in Kürze nachgezahlt.

„Parallel werden wir sorgfältig prüfen, wie ein neues, nachhaltig und wirtschaftlich solides Betreiberkonzept aussehen kann. Die anhaltenden Besucherzahlen zeigen, dass die „Fernsicht“ einen festen Platz im Alten Land hat“, sagt Köster. Er hat jetzt die Hand auf dem Betrieb. Ohne ihn darf Johann Frese, für den zum 1. April ohnehin ein Nachfolger gesucht wird, keine betriebswirtschaftliche Entscheidung mehr treffen.

Grünendeichs Gemeindedirektor Gerhard Buchner betont, dass das Dorfgemeinschaftshaus in der „Fernsicht“ mit dem Saal nicht von der Insolvenz betroffen ist.

Wie kann es jetzt weitergehen? Wird die GmbH liquidiert? Wird eine neue Betreibergesellschaft aus der Taufe gehoben? Wer wird neuer Geschäftsführer? Oder wird wieder ein Pächter mit gastronomischer Erfahrung gesucht? Oder wird die „Fernsicht“ gar komplett verkauft? Fragen, auf die bislang niemand eine Antwort weiß.

Kommentar


Gastronomische Fernsicht ist gefragt

Die Gerüchteküche brodelte schon lange. Wie lange hält sich die „Fernsicht“ noch über Wasser? Die Auslastung des Saals war offenkundig nicht ausreichend. Der Service geriet hinter vorgehaltener Hand teilweise in die Kritik. Alle Beteiligten sollten sich jetzt eingestehen: Eine Gastwirtschaft ohne einen Gastronom mit Herzblut funktioniert auf dem platten Land in den meisten Fällen nicht. Gastronomische Fernsicht ist jetzt gefragt. Die Zukunft sollte schnell geklärt werden. Denn: Welcher Gast bucht schon einen insolventen Laden? Björn Carstens