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Das Park+Ride-Dilemma

Mehr geht nicht! Der P+R-Platz ist pickepackevoll
 
Die Autos verstopfen auch die Wohnstraßen rund um den Bahnhof
bc. Neu Wulmstorf. Dass politische Entscheidungen in der Millionenmetropole Hamburg unmittelbare Auswirkungen auf die Gemeinde Neu Wulmstorf haben, spüren viele Bürger in diesen Tagen so deutlich wie selten. Sie finden keinen Parkplatz mehr. Die Park+Ride-Anlage am S-Bahnhof in Neu Wulmstorf ist nicht nur bisweilen ausgelastet - wie seit Jahren schon. Nein, diesmal ist sie restlos überfüllt.

Das Wildparken scheint ein Auswuchs der neuen Gebühren-Politik in den Hamburger P+R-Parkhäusern zu sein. Seit Montag sind viele kostenpflichtig.

Das WOCHENBLATT schaute sich am Dienstagmittag auf den P+R-Flächen in Neu Wulmstorf um. Ergebnis: alle, wirklich alle Parklücken waren dicht. Die Pendler wichen auf Straßenränder und Grünstreifen aus, verstopften Wohngebiete. Selbst ein kleinerer Fußmarsch schien ihnen attraktiver zu sein, als in Hamburg Geld für einen Stellplatz zu löhnen.

Hintergrund: An den betroffenen P+R-Anlagen in Hamburg, z.B. in Neugraben, Neuwiedenthal und Harburg, müssen Autofahrer ab sofort 2 Euro pro Tag bezahlen, ein Monatsticket kostet 20 Euro, eine Jahreskarte 200 Euro. Viele Autofahrer fühlen sich abgezockt.

Die 330 Stellflächen in Neu Wulmstorf werden bei Weitem nicht nur von Neu Wulmstorfern benutzt, viele Pendler aus dem Nachbarkreis Stade lassen hier ihren Wagen stehen. Und jetzt kommen offensichtlich auch noch vermehrt Autofahrer aus Hamburg nach Neu Wulmstorf - zusätzlich zu denen aus Neuenfelde.

Neu Wulmstorfs Bürgermeister Wolf Rosenzweig (SPD) hält die Hamburger Entscheidung für kontraproduktiv, "um den Individualverkehr von der Straße zu bekommen und den öffentlichen Personennahverkehr zu fördern. Parkgebühren für P+R-Anlagen sind nicht der richtige Weg." Das jetzige Parkchaos habe er so erwartet, sagt Rosenzweig.

Genau aus diesem Grund stellten die Neu Wulmstorfer Grünen schon vor einem halben Jahr einen Antrag, ebenso für die gemeindeeigenen Parkplätze eine Gebühr einzuführen. Das lehnte der Gemeinderat jedoch ab. "Wenn die Situation so bleibt, besteht jedoch ernsthaft Handlungsbedarf", sagt Grünen-Fraktionschef Joachim Franke. Im Grunde genommen halte er auch nichts von Gebühren für P+R: "In diesem Fall wäre es aber Notwehr, um sich gegen den Ansturm von Ausweichparkern zu rüsten."

Ein neues Parkhaus am Neu Wulmstorfer Bahnhof (das WOCHENBLATT berichtete) lässt vermutlich noch einige Jahre auf sich warten. Zwar stehe die Gemeinde laut Rosenzweig in positiven Verhandlungen mit dem Fördermittelgeber, der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen, trotzdem sei mit einer Fertigstellung der Parkpalette wohl erst in 2017/2018 zu rechnen. Geplant ist eine Verdoppelung der Stellflächen.

Kommentar:

Steine für die Bahnpendler


Es scheint logisch zu sein, P+R-Gebühren einzuführen. Der Nutzer soll für den Service zahlen, den er erhält: gut ausgeleuchtete, saubere, überwachte und somit sichere Parkhäuser. Und mal ehrlich: 2 Euro am Tag sind nicht wirklich viel. Es ist dennoch das psychologisch falsche Signal, um mehr Pendler in die umweltfreundlichere S-Bahn zu bekommen: Park- und Bahnticket ziehen oder Autofahren, günstigen Parkplatz in Hamburg suchen und im Zweifel noch schneller ankommen? Das sind Fragen, bei denen sich vermutlich mehr Leute fürs Autofahren entscheiden als vor der Gebühren-Einführung. P+R-Gebühren fühlen sich für Bahnpendler wie Steine an, die ihnen in den Weg gelegt werden. Björn Carstens