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Mysteriöser Vogelmord in Nordkehdingen

Das getötete Seeadler-Weibchen (Foto: Joachim Neumann)
 
Der Adlerbeauftragte Fritz Bechinger vor dem Pappelwald, in dem der tote Adler gefunden wurde

Adler in Balje erschossen: Naturschützer setzen 10.000 Euro Belohnung aus / Zwei tote Bussarde

tp. Balje. Erst ein erschossener Seeadler, dann zwei vergiftete Bussarde: Eine Serie von Vogeltötungen im beschaulichen Balje in Nordkehdingen nimmt Konturen eines Umweltkrimis an.

Wie berichtet, fanden Tierschützer am Donnerstag vergangener Woche auf einem Horst im Dreieck zwischen Oste und Elbe den Kadaver eines mit einer Jagdwaffe getöteten Seeadlers. Als das Projektil seinen Rumpf durchdrang, war das Weibchen gerade mit dem Nestbau beschäftigt. Im Schnabel trug es noch einen Zweig. Vom zugehörigen Männchen fehlt seit der Tat jede Spur. Aktivisten vom Naturschutzbund NABU und vom Verein "Komitee gegen Vogelmord" haben zur Aufklärung der Straftat eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt.

Auch die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt. Am Mittwoch ereilte die Naturschützer die nächste traurige Nachricht: In der Baljer Feldmark wurden zwei verendete Bussarde entdeckt, die vermutlich an Giftködern starben.

Die Tierschützer Fritz Bechinger (78), Adlerschutzbeauftragter und früherer Chef des Zoos Wingst, und der Biologe Bodo Koppe (59), der das Adlerrevier von Kartierungen kennt, schließen wirtschaftliche Interessen als Tathintergrund nicht aus: Der Horst liegt in einem von Gräben und Grünland umgebenen Pappelwäldchen in Nachbarschaft zum rund anderthalb Kilometer entfernten Windpark Balje. Ein brütendes Seeadlerpaar sei so ziemlich das schwerwiegendste Planungshindernis für Anlagenerweiterungen, sind sich die beiden Experten einig. Laut Bodo Koppe billigen Umweltbehörden Seeadlern in der Regel einen Schutzradius von drei Kilometern um ihr Nest zu. Ein weiterer von dem Adlerpaar genutzter Horst liegt in Neuhaus an der Oste.

Auch einzelne Landwirte könnten den Seeadlern und anderen unter Artenschutz stehenden Greifvögeln feindlich gegenüberstehen, das sie mit ihnen um die auch im abgeschiedenen Balje knapper werdenden Flächen konkurrieren. Angesichts der aktuellen Bestrebungen des Landes Niedersachsen, in Teilen Nordkehdingens den verhältnismäßig lockeren Vertragsnaturschutz durch Landwirte abzuschaffen und unter strengen hoheitlichen Naturschutz zu stellen, hat sich die Lage zugespitzt.

Es handelt sich bereits um den fünften toten Seeadler an der nördlichen Grenze des Landkreises Stade in den vergangenen zehn Jahren. 2006 waren drei Seeadler mit einem Köder vergiftet worden. Ein 2007 tot gefundener Altvogel wies ebenfalls Vergiftungserscheinungen auf. Ermittlungen blieben seinerzeit erfolglos. Der Adlerbeauaftragte Fritz Bechinger geht von einer höheren Dunkelziffer aus: In der Umgebung Baljes seien in den vergangenen zwölf Jahren trotz regelmäßiger Bruttätigkeiten nur zwei Adlerjunge groß geworden.

"Wir würden uns bessere Schlagzeilen wünschen, etwa, dass die Zahl der Seeadler in unserer Gemeinde zunimmt", sagt Baljes Bürgermeister Hermann Bösch, der seit den Vorfällen Presseanfragen aus dem ganzen Bundesgebiet bekommt. Von dem mysteriösen Adlermord sei er insofern überrascht, als dass eine Windpark-Expansion politisch derzeit nicht zur Debatte stehe. Im Zuge des "Repowering" sehe der Landkreis sogar eine Reduzierung der Fläche um mehr als 50 Prozent vor. Auch für das landwirtschaftlich genutzte Areal um den Adlerhorst gebe es keine weiteren Schutzbestrebungen.

Unterdessen hat der Präsident der Landesjägerschaft Niedersachsen, Helmut Dammann-Tamke, die Adler-Tötung aufs Schärfste verurteilt: Sollte sich herausstellen, dass es sich um einen Jäger und Mitglied des Verbandes handele, habe er "neben einer strafrechtlichen Verfolgung mit verbandsinternen Disziplinarmaßnahmen zu rechnen".