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WOCHENBLATT-Serie "Lost Place", Teil 3: Segler, Schlick und frische Seeluft - Der ehemalige Anleger der Elbfähre Wischhafen-Glückstadt

Die gleiche Perspektive - heute (re.) und vor 50 Jahren: Damals warteten am alten Anleger die Autofahrer auf die Fähre, jetzt haben dort die Segler ihr Domizil
 
Wer weiterfährt, rollt ins Wasser
(jd). Es gibt Orte, die aus der öffentlichen Wahrnehmung fast verschwunden sind. Solche Plätze werden als „Lost Places“ bezeichnet: Das WOCHENBLATT hat einige „Lost Places“ im Kreis Stade aufgespürt und stellt sie im Rahmen einer Serie vor. Für Teil 3 begab sich Redakteur Jörg Dammann nach Wischhafen:

Ein wunderschöner Herbsttag: Ideales Wetter für eine Tour an die Elbe. Ein beliebtes Ausflugsziel für „Seh-Leute“ ist der Anleger der Elbfähre bei Wischhafen. Dort herrscht immer Trubel: Die einen schauen zu, wie die dicken Pötte vorbeiziehen, die anderen reihen sich mit ihren Autos in die Warteschlange für die Fähre nach Glückstadt. Seeluft macht hungrig: Auf meine Frage nach einem netten Lokal empfiehlt man mir das Fährhaus. Das liege aber im Ort. Ein Fährhaus weit abseits der Fähre? Merkwürdig! Ich gehe der Sache auf den Grund.

„Ursprünglich befand sich der Fähranleger hier in Wischhafen rund zwei Kilometer landeinwärts an der Wischhafener Süderelbe“, erzählt mir Gastronom Marc Grünberg. Er betreibt das Fährhaus, das seit 1844 in Familienbesitz ist, in fünfter Generation. Eine Fährverbindung nach Wischhafen bestand bereits vor 1900 - zunächst nur für Personen, später auch für Fahrzeuge. Damals konkurrierten sogar mehrere Fährgesellschaften miteinander.

Die Zeiten überdauert hat nur die 1919 vom Kapitän Ernst Sturm gegründete Firma. Heute ist dessen Enkelin Betreiberin der Elbfähre. Sturms erste Fährschiffe wurden noch seitlich über einen Ponton beladen. 1955 errichtete dann Grünbergs Großvater einen festen Fährkopf mit Rampe. 13 Jahre lang rollten die Autos am Fährhaus vorbei, um nach Schleswig-Holstein überzusetzen.

1968 kehrte Ruhe ein: Die Verladebrücke wurde abgebaut und an den heutigen Standort verlegt. Nur Fotos im Fährhaus erinnern an den alten Anleger. Mit diesen Bildern im Kopf gehe ich auf Spurensuche: Man benötigt nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass hier einst Fähren anlegten. Die Straße, die bezeichnenderweise Fährstraße heißt, führt direkt auf das Wasser zu. Im Gegensatz zum Trubel am jetzigen Anleger herrscht beschauliche Ruhe - insofern ist auch dieser Ort ein „Lost Place“, auch wenn er nicht ganz der Definition entspricht.

Das Gelände am einstigen Fähranleger hat jetzt der Wischhafener Yachtclub gepachtet. Dort treffe ich auf Fridtjof, Jörg und Karl-Heinz: Die drei sind dabei, Boote für das Winterquartier auf Vordermann zu bringen. „Unser Verein nutzt den alten Fährkopf als Slipanlage“, berichtet das Trio: „Wir holen die Boote mit einer ehemaligen Schiffswinde aus dem Wasser.“ Ein großes Problem für den Yachtclub ist die zunehmende Verschlickung (Foto unten) der Wischhafener Süderelbe. Zwar kommt zweimal im Jahr ein Spülschiff, dass die Sandablagerungen aufwirbelt, doch das soll wenig effektiv sein.

„Je mehr die Wischhafener Süderelbe verschlickt, umso weniger Wassersportler steuern uns an“, sagt Gastwirt Grünberg, der selbst Mitglied im Yachtclub ist. Vor 20 Jahren hätten noch scharenweise Segler aus Hamburg angelegt. Solche maritimen Tagesausflüge sind heute kaum mehr drin: An- und Ablegen im Yachthafen ist nur noch bei Hochwasser möglich. Wegen der Verschlickung ist bereits ein Teil der Steganlage abgebaut worden.
Sollte dieses Problem weiter zunehmen, wird der alte Anleger bald ein waschechter „Lost Place“ sein.