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"Forschungsplattform" statt "Rekord-Windspargel"

Arnulf Kaufmann zeigt auf die für den neuen Windpark vorgesehene Fläche nahe seines Wohnhauses
 
Fotomontage: Die Forschungsanlage umfasst zwei Windriesen à 150 Meter Höhe, eine halb so hohe Anlage sowie vier ebenfalls 150 Meter meteorologische Messmasten (Foto: Fotomontage: MSR)

Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt plant Versuchs-Windkraftanlage in Kehdingen

tp. Freiburg. Über "große Verunsicherung" und "schlechte Informationspolitik" klagen Arnulf Kaufmann (69) und seine Ehefrau Inge (60) aus Freiburg in Nordkehdingen. Nachdem Pläne einer Versuchs-Winkraftanlage in der Nähe ihres Wohnhauses an die Öffentlichkeit drangen, weckte dies bei ihnen Erinnerungen an "Norddeutschlands größten Windspargel" mit 240 Metern Flügelhöhe, den ein Energiekonzern im vergangenen Jahr zu Versuchszwecken in der Nachbarkommune Drochtersen plante. In der Lokalpolitik schmetterte das Vorhaben damals ab. Nach WOCHENBLATT-Recherchen steht fest: Die schlimmsten Befürchtungen der Kaufmanns, dass der in der Nachbargemeinde unerwünschte Windgigant in ihrer Nähe aufgestellt wird, werden sich nicht bewahrheiten. Doch mit einer Windkraftanlage "vor der Haustür" müssen sie sich wohl arrangieren.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLF) mit Stammsitz in Köln und Zweigstelle im Leichtbau-Forschungszentrum "CFK Valley" in Stade plant auf einer Fläche nordwestlich von Oederquart in der Gemeinde Krummendeich die "Forschungsplattform" Windenergie mit zwei Anlagen mit einer maximalen Gesamthöhe von 150 Metern und einer kleineren 75 Meter hohen Mühle sowie vier maximal 150 Metern hohen meteorologischen Messmasten.

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Arnulf und Inge Kaufmann, die am abgeschiedenen Mühlenweg im Moor wohnen, befürchten die Verunstaltung der Landschaft Nordkehdingens, in der es schon diverse Windräder gibt, Schlagschatten, Transportlärm zur Baustelle der neuen Anlage, Gesundheitsschäden aufgrund des von Rotorbewegungen ausgehenden Infraschalls im nicht hörbaren Bereich und den Wertverlust ihres Wohnhauses. Deshalb hätten sie bei der Verwaltung der Samtgemeinde Nordkehdingen um den Chef Edgar Goedecke frühzeitig um Einsicht in die Pläne gebeten, so die Eheleute. "Doch dies wurde uns zunächst verwehrt", berichten die Kaufmanns, die schließlich am Dienstag 7. April, einen Termin im Rathaus bekommen haben. "Ich vermisse freiwillige Information", sagt Arnulf Kaufmann.
Auf WOCHENBLATT-Nachfrage sichert Samtgemeindebürgermeister Edgar Goedeke zu: "Eine Einwohnerversammlung, in der das Projekt vorgestellt wird, wird in Kürze folgen." Bei dem anvisierten Anlagen-Standort handele es sich um das Ergebnis einer Suche nach "einer möglichst konfliktfreien Fläche". Zur Realisierung des Projektes sind eine Änderung des Flächennutzungsplanes und ein Bebauungsplan erforderlich. "Diese Verfahren sind noch nicht eingeleitet. Vorbereitungen werden getroffen."
Deitens der DLR sind die Planungen weit fortgeschritten: Die Inbetriebnahme der Forschungsplattform „Windenergie“ soll laut DLR-Pressesprecher Andreas Schmitz bis zum Jahr 2017 erfolgen. Die Anlage soll etwa 20 Jahren für Forschungsarbeiten genutzt werden. Wichtige Forschungsziele sind die Gewinnung von Daten für die Simulation und die Konstruktion leiserer, kostengünstigerer, effizienterer, sicherer und ökologisch verträglicher Windenergieanlagen. Auf der Plattform werden zudem neue Konzepte für Bauteile, Aerodynamik, Schallphänomene und Lärmminderung erforscht.
Ein weiteres Ziel ist es, die an den Anlagen auftretenden Lasten zu reduzieren. Damit sollen Windenergieanlagen robuster werden und eine längere Lebensdauer erreichen.
Das Gewicht lasse sich laut Andreas Schütz durch neue Materialien und Strukturen im Leichtbau reduzieren. Der Betrieb der Testanlagen werde öfter als bei kommerziellen Anlagen unterbrochen.
"In Bezug auf Lärm und Schattenwurf unterliegen die Forschungsanlagen der gesetzlichen Vorgaben, somit gibt es keine höhere Belastung als bei kommerziellen Windenergieanlagen.", so Schütz. Die Förderung des Landes Niedersachsen beträgt ca. 14 Millionen Euro für den Aufbau der Forschungsplattform. Aufgrund des noch laufenden Verfahrens können jedoch keine Aussagen zum konkreten Standort getroffen werden. Grafische Entwürfe sollen später vorgelegt werden.