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Quälerei oder Unwägbarkeit moderner Haltung?

Neugeborenes Lamm im Freien (Foto: Gössel/Schiller)
 
Schwarzkopfschaf mit Milben- und Haarlingsbefall. Laut Kevin Höft wurde es inzwischen behandelt (Foto: Schiller/Gössel)

Kranke Schafe am Elbdeich in Balje: Tierschützer üben harsche Kritik an Halter / Schäfer weist Vorwürfe zurück / Konflikt mit Naturschutzauflagen

tp. Balje. Zeugen berichten von humpelnden Schafen mit löchrigem Fell, ohne ausreichend Wasser und Futter, Lämmchen, die ungeschützt vor Wind und Wetter am Elbdeich in Balje zur Welt kamen, sogar von toten Jungtieren. Ist dies nach dem Seeadler-Mord von Balje und den verendeten Galloway-Rindern in Hammah der dritte Tierschutz-Skandal dieses Jahres im Landkreis Stade? Oder traten an der betreffenden Schafherde lediglich Unwägbarkeiten moderner Tiererzeugung zu Tage?

Bei den Tierfreunden Klaus Schiller (63), seiner Ehefrau Gisela (64) und Julia Gössel (44) auf der einen Seite und dem Schafhalter Kevin Höft (37) gehen die Meinungen darüber weit auseinander. Der Schäfer räumt Schwierigkeiten ein, weist die Vorwürfe aber in weiten Teilen von sich.

Diplom-Biologin Julia Gössel (44) traute ihren Augen nicht, als sie am 1. Februar 2016 am Außendeich die Schafherde erblickte: "Die Temperatur betrug ca. 5 Grad, es wehte ein scharfer Wind. Es gab nichts, was den Schafen Schutz bieten konnte, und kein Anzeichen dafür, dass sie Wasser oder Futter bekämen." Die Schafe hätten einen unterernährten Eindruck gemacht, Lämmer erbärmlich geschrien. Offenbar hatten die Muttertiere kaum Milch im Euter.

Gössel bezweifelt, dass der Schäfer die "Empfehlungen für die ganzjährige und saisonale Weidehaltung von Schafen und sorgfältiger Pflege" des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit erfüllen kann. Sie verständigte das Veterinäramt in Stade.

Erneut wurde Gössel auf mögliche Missstände aufmerksam, als sie im März Schafe des Halters auf dem Innendeich sah: Das Fell habe in Fetzen am stellenweise kahlen Körper gehangen. "Mehrere Tiere konnten kaum laufen und haben kniend gegrast."
Und: "Viele Lämmer wurden geboren, kaum eines hat überlebt. Die Kadaver wurden vom Schäfer abgeholt, die Nachgeburten blieben auf dem Deich liegen. Bei der unzureichenden Einzäunung kann sich Raubwild ungehindert an der Herde 'bedienen'. Neugeborene Lämmer rollten zum Teil den Deich herunter und landeten, für das Muttertier unerreichbar, auf der Straße."

Die Schillers bestätigen die Schilderungen und haben nach eigenen Angaben mehrfach das Veterinäramt sowie den Deichverband informiert. "Doch bis 25. April konnten wir keine Maßnahmen zur Beendigung der Tierquälerei erkennen", so die Eheleute, die geschätzte drei Dutzend tote Lämmer gezählt haben.

Beim WOCHENBLATT-Ortstermin präsentierte Kevin Höft, seit 16 Jahren Schafzüchter im Nebenerwerb, vitale Tiere in einen sauberen Schafstall und auf einem Deich mit viel saftigem Gras und Tränken. Er räumt ein: Ein Teil der im Winter zur Vergrößerung seiner nun rund 250 Mutterschafe plus Nachzucht großen Schwarzkopfschaf-Herde habe unter Milben und Haarlingen ("Räude") gelitten und sich beim Kratzen das Fell abgeschabt. Im Februar sei der Bestand von einer Fachtierärztin vom Schafgesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer behandelt worden. Tatsächlich seien wegen eines vom Vorbesitzer falsch genannten Termins mehrere Lämmer unbeabsichtigt zu früh und im Freien zur Welt gekommen. Regelfall sei, die hoch-trächtigen Schafe zur Geburt in den Stall zu holen. Im gesamten Zeitraum seien maximal vier Lämmer verendet. Für die meiste Zeit des Jahres biete der sieben Meter hohe Elbdeich genügend Wetterschutz. Ferner rühre das Humpeln der Schafe vom weichen Deichboden.

• Der Deichverband Kehdingen-Oste, für den der Schäfer zum Jahresbeginn vertraglich die Deichpflege in Balje übernahm, will zu dem Fall keine Stellung beziehen. Bei der jüngsten Deichschau hatte der Verband an der Herde nichts zu beanstanden.

Veterinäramt kontrolliert Schäfer

(tp). Das Veterinäramt hat laut Landkreis-Pressesprecher Christian Schmidt die Schafhaltung mehrfach kontrolliert und angeordnet, eine trockene, windgeschützte Liegefläche für die Tiere zu schaffen sowie einen Tierarzt hinzuzuziehen, was der Schäfer befolgt habe. Der Vorgang sei noch nicht abgeschlossen. Schwierigkeiten bereite das gesetzliche Verbot, in dem unter Naturschutz stehenden Außendeich selbst einfache Bauwerke zu errichten. Zu diesem, das gesamte Küstengebiet betreffenden Problem, habe der Landkreis Stade das niedersächsische Landwirtschaftsministerium um Klärung gebeten.