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Streit um Flüchtlinge in Wischhafen: „Wir wohnen bald im Ghetto"

Im Meisenstieg gibt es Anwohner, denen die Unterbringung von Flüchtlingsfamilien nicht gefällt
 

Flüchtlingsfamilien sorgen für Unmut in Wischhafen / Gemeindevertreter: "Gebt den Leuten eine Chance"


sum. Wischhafen. Im Meisenstieg in Wischhafen herrscht nach eigenen Angaben eine gute Nachbarschaft, in der alle immer herzlich willkommen sind. Jedoch scheint diese harmonische Stimmung nun plötzlich zu kippen. Denn in ihre Straße ist "unangemeldet" eine Flüchtlingsfamilie gezogen.

In der vergangenen Woche lud die Samtgemeinde Nordkehdingen zu einem Informationsgespräch in das Gasthaus Sieb in Wischhafen. „Wir hätten nicht gedacht, dass eine solche Veranstaltung erforderlich ist,“ erklärte Samtgemeindebürgermeister Edgar Goedecke. Bislang habe es seiner Auskunft nach bei der Unterbringung von Asylbewerbern in Nordkehdingen und insbesondere in Freiburg keine Probleme gegeben.

Bis Ende September muss die Samtgemeinde insgesamt 77 Asylbewerbern in ihrer Kommune ein neues und angemessenes Zuhause bieten. Bei dieser Zahl handelt es sich um eine vom Land vorgegebene und einzuhaltende Quote. Bislang wurden 66 Menschen aus Krisengebieten aufgenommen. Bei ihnen handelt es sich überwiegend um Familien mit Kindern, die sich nach Auskunft von Ordnungsamtsleiterin Erika Hatecke besonders gut integrieren. Die Kinder besuchen Kindergärten und Schulen, die Erwachsenen nehmen am freiwilligen Deutschunterricht teil und versuchen auch, am Dorfleben teilzunehmen. Derzeit versucht sie, die Vereine dafür zu gewinnen, Asylbewerber für bis zu 20 Stunden pro Woche zu beschäftigen. So hilft bereits ein Mann im Naturfreibad Krummendeich aus und erhält vom Landkreis Stade einen Obolus von 1,05 Euro pro Stunde.

Da sich die Anzahl der in Nordkehdingen aufzunehmenden Flüchtlinge nach Auskunft von Edgar Goedecke im kommenden Jahr noch verdoppeln wird, braucht die Samtgemeinde dringend weiteren angemessenen Wohnraum. Er wies darauf hin, dass zwar eine dezentrale Unterbringung angestrebt wird, um eine Ghettobildung zu vermeiden, jedoch müssen die Gemeinden bevorzugt werden, in denen Ärzte, Einkaufsmöglichkeiten und öffentliche Verkehrsmittel vorhanden sind. Das sind in Nordkehdingen in erster Linie Freiburg und Wischhafen.

Dass von der Kommune jetzt aber im Meisenstieg in Wischhafen ein leerstehendes Doppelhaus mit zwei Wohnungen für die Unterbringung von Asylbewerbern angemietet wurde, können einige Anwohner trotzdem nicht verstehen. Während die einen lediglich monierten, dass sie vorher nicht einmal informiert wurden, erklärte ein Mitbürger lautstark und unmissverständlich: „Jetzt wohnen wir bald in einem Ghetto. Wir haben dafür gebuckelt, uns dort etwas aufzubauen und jetzt kommen die.“ Einige der rund 25 Anwesenden nickten vorsichtig oder schauten verschämt zu Boden, andere aber schüttelten empört den Kopf. Eine junge Frau versuchte zu vermitteln: „Als wir hierher gezogen sind, habt ihr uns doch auch willkommen geheißen“, erhielt aber als Antwort: „Euch kannten wir ja schon vorher.“ Das Argument, dass man aber auch die Flüchtlingsfamilien kennenlernen könne, zähmte den Haupt-Protestler nicht: „Denen sage ich keinen guten Tag.“

Edgar Goedecke machte den Anwesenden noch einmal eindeutig klar, dass die Samtgemeinde diesbezüglich keine Wahl hat und das Haus nicht „aufgeben“ wird. Sowohl die Gemeindevertreter als auch Annette Matties von der Arbeiterwohlfahrt Migrations- und Integrationsberatung Stade appellierten an die Meisenstieg-Bewohner: „Gebt den Leuten eine Chance.“