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EU greift zum Strohhalm

Geht es nach der EU-Kommission, sind Einwegprodukte aus Plastik, wie Wattestäbchen, bald Geschichte Foto: Fotolia Daniela Stärk
EU-Kommission will Einwegprodukte aus Kunststoff verbieten, um den Plastik-Müll im Meer zu reduzieren

(as). Wo auf Volksfesten früher Plastikteller, Kunststoffbesteck und Plastikbecher im Einsatz waren, sollen, wenn es nach der EU-Kommission geht, Bier und Bratwurst zukünftig auf plastikfreiem Geschirr angeboten werden.
Wo früher der Cocktail aus einem bunten Kunststoff-Strohalm geschlürft wurde, könnten zukünftig Halme aus Edelstahl oder Glas im Einsatz sein. So will die EU-Kommission der Verschmutzung der Meere durch Plastik-Müll entgegenwirken. Dabei hat sich Brüssel die zehn Einwegprodukte aus Kunststoff vorgenommen, die in Europa am häufigsten am Strand und Meer gefunden werden. Zusammen mit Fischfanggeräten machen sie rund 70 Prozent aller Abfälle im Meer aus. Mit den jetzt vorgestellten Richtlinien will die EU-Kommission die Vermüllung durch diese Produkte um mehr als die Hälfte verringern.
Das sehen die neuen Vorschriften vor:
Verboten werden soll der Einsatz von Kunststoff in Einwegprodukten, für die es bereits erschwingliche plastikfreie Alternativen gibt. Das sind laut EU-Kommission Wattestäbchen, Besteck, Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen und Luftballonstäbe aus Kunststoff. Zudem sollen die Deckel und Verschlüsse von Einweg-Getränkebehältern zukünftig fest an ihnen befestigt sein.
Nicht verboten, aber deutlich reduziert werden sollen Lebensmittel- und Fastfoodverpackungen sowie Getränkebecher aus Kunststoff. Die Mitgliedsstaaten könnten z.B. die Verfügbarkeit alternativer Produkte in den Geschäften verbessern oder sicherstellen, das Einwegprodukte aus Plastik nicht kostenlos zur Verfügung gestellt werden.
Die Hersteller von Behältern, Tüten und Folienverpackungen für Lebensmittel, z.B. Chips und Süßigkeiten, sowie Getränkeflaschen und -becher aus Plastik, Tabakerzeugnissen mit Filtern, Feuchttüchern, Luftballons und leichten Kunststofftaschen sollen zukünftig für die Kosten, die ihr Müll verursacht, zur Rechenschaft gezogen werden und sich z.B. an den Kosten für die Abfallbewirtschaftung und Säuberung der Umwelt beteiligen. Die EU-Kommission will zudem Anreize für die Hersteller schaffen, umweltfreundliche Alternativen zu entwickeln.
Hygieneartikel, Feuchttücher und Luftballons, die Kunststoff enthalten, sollen zukünftig gekennzeichnet und mit Angaben zu den negativen Umweltauswirkungen des Produkts versehen werden. Hinweise zur richtigen Entsorgung sollen ebenfalls abgebildet werden.
Einweg-Getränkeflaschen aus Kunststoff sollen bis 2025 EU-weit eine Sammelquote von 90 Prozent erreichen, z.B. durch ein Pfandsystem wie in Deutschland.
Weiterhin sollen die EU-Staaten die Verbraucher über die negativen Folgen des Wegwerfens informieren und auf Wiederverwertungssysteme aufmerksam machen.
Noch vor der Europawahl, im Mai 2019, will die EU-Kommission "greifbare Ergebnisse" für den Gesetzesvorstoß präsentieren. Allerdings muss das Plastik-Verbot vorher noch mit dem EU-Parlament und den einzelnen Staaten verhandelt werden.

Plastikprodukte verbieten aber Verpackung aus Kunststoff erlauben?

Schildkröten, denen Strohhalme in der Nase stecken, Wale und Vögel, die verhungern, weil ihr Magen voll Plastik ist - die Verschmutzung der Natur durch Plastikabfälle ist ein Problem. Besonders im Meer, hier bestehen mehr als 80 Prozent der Abfälle aus Kunststoff. Das WOCHENBLATT hat bereits mehrfach über das Problem mit dem Plastikmüll berichtet, zuletzt mit einem Selbstversuch zum plastikfreien Leben.
Auf ein Wort
Mit dem angestrebten Verbot von Einweg-Artikeln aus Plastik will die EU-Kommission dem entgegenwirken. Die Hersteller von Plastikverpackungen werden dabei allerdings kaum in die Pflicht genommen.
Tatsächlich gibt es für die Produkte wie Wattestäbchen, Plastikstrohhalme und Luftballonstäbchen schon Alternativen, z.B. aus Pappe oder Bambus. Fraglich ist auch, ob die Einweg-Alternativen aus Bambus und Co. tatsächlich umweltfreundlicher als die Plastikvariante sind. Denn auch für einen Teller aus Zuckerrohr werden Ressourcen verschwendet, wenn er nur ein einziges Mal verwendet und danach weggeschmissen wird.
Anstatt Einweg-Getränkeflaschen aus Plastik ebenfalls zu verbieten, soll hier EU-weit die Sammelquote auf 90 Prozent erhöht werden. Ob das zum gewünschten Ergebnis führt, ist fraglich: In Deutschland hat das Pfandsystem zu einem massiven Anstieg der Einweg-Flaschen geführt, Mehrwegflaschen werden verdrängt.
Ein großer Knackpunkt: Die Verpackung. Was nützen Wattestäbchen aus Pappe, wenn sie in einer Plastikbox oder einem Karton mit Plastikfenster verkauft werden? Zwar sollen Lebensmittel- und Getränkeverpackungen aus Plastik reduziert werden - verboten werden sie aber nicht. Die Hersteller sollen sich lediglich an den Säuberungskosten für den von ihnen verursachten Kunststoffabfällen beteiligen - das ist längst überfällig. Plastikbehälter für Waschmittel, Duschgel und Co. werden von der EU-Kommission nicht einmal erwähnt.
Auch wenn ein Großteil des Mikroplastiks aus zersetztem Plastik stammt, belastet das Mikroplastik, das z.B. in Kosmetikprodukten enthalten ist, ebenfalls die Umwelt. Diese Inhaltsstoffe werden in der Richtlinie auch nicht berücksichtigt. Der BUND definiert Mikroplastik als "alle synthetischen Polymere, die kleiner als fünf Milimeter sind". Diese werden von der Kosmetikindustrie z.B. als Füllmittel oder Filmbildner eingesetzt und gelangen ebenfalls über das Abwasser ins Meer - ohne dass man sie sehen kann.
Der Vorschlag der EU-Kommission geht in die richtige Richtung - ausreichend ist er aber nicht. Die EU-Kommission nimmt vor allem den Verbraucher in die Pflicht: Verbote von einzelnen Produkten, eine Minderung des Verbrauchs von Lebensmittelverpackungen und Getränkebechern. Die Hersteller sollen sich lediglich an Säuberungskosten und Sensibilierungmaßnahmen beteiligen. Eine Verpflichtung, alternative Verpackungen anzubieten, gibt es für sie nicht.
Anke Settekorn