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"Flucht" in die Feldmark - das Phänomen Aussiedlerhof

Ein typischer Aussiedlerhof, wie man ihn auch heute noch in der Region findet (Foto: flmk)
mi. Rosengarten. Im Freilichtmuseum am Kiekeberg entsteht mit dem Projekt Königsberger Straße eine neue Ausstellungswelt, die den Wandel des Landkreises von 1945 bis in die 1970er Jahre thematisiert In einer Serie stellt das WOCHENBLATT einzelne Schwerpunkte des Projektes vor. Diesmal sucht das Freilichtmuseum einen sogenannten „Aussiedlerhof“.
Hintergrund: Jahrhundertelang war der Hof aus dem Dorf nicht wegzudenken. Im Gegenteil, geht man weit genug zurück, zeigt sich, die Keimzelle von manch heutigem Dorf waren einzelne Höfe. Ab 1956 ändert sich das grundlegend. Plötzlich soll der Hof raus aus dem Dorf. Es ist die Zeit der Aussiedlerhöfe. Auch in den Landkreisen Harburg und Stade beginnen Landwirte, ihre Hofstatt in der Feldmark neu aufzubauen und prägen damit das Erscheinungsbild von Orten wie Marxen, Vahrendorf, Ahlerstedt, Fredenbeck und Bargstedt bis heute. Alexander Eggert, Leiter der Abteilung für Volkskunde am Freilichtmuseum am Kiekeberg, erforscht Aussiederhöfe im Rahmen des Projekts „Königsberger Straße“. Der Grund für die „Flucht“ in die Feldmark war nach seinen Erkenntnissen vor allem ein Strukturwandel in der Landwirtschaft. „Spätestens ab den 1970er Jahren steigt der Rationalisierungsdruck auf Landwirte. Um gewinnbringend zu wirtschaften, sind Betriebsvergrößerungen notwendig. Für die neuen Produktionsgebäude war an den Hofstätten in den Dörfern oft kein Platz, daher wurden die Betriebe in der Feldmark neu errichtet. Damit einher ging eine starke Technisierung. Hier nennt Eggert Zahlen, die den rasanten Wandel in der Landwirtschaft verdeutlichen: Wurden 1950 bundesweit noch 1,57 Millionen Pferde und nur 139.000 Traktoren eingesetzt, kehrte sich das Verhältnis bis 1963 um, mit jetzt 1,1 Millionen Traktoren und nur noch 360.000 Pferden. Um die immer größeren Fuhrparks unterzubringen, mussten viele Landwirte die Dörfer verlassen. Dazu kam der Generationenwandel: „Die neue Generation brach damit, den Hof mit den Altenteilern zu bewohnen. Stattdessen baute man sich moderne Häuser im Außenbereich“.
Das Aussiedeln sei politisch erwünscht gewesen und wurde auch im Rahmen von Dorferneuerungsprogrammen finanziell gefördert.
Für die „Königsberger Straße“ will das Freilichtmuseum einen echten Aussiedlerhof übernehmen, die Anlage vor Ort ab- und am Kiekeberg originalgetreu wieder aufbauen. Alexander Eggert: „Wir sind bereits im Gespräch über ein Objekt, das infrage kommt.“ Dennoch sucht das Freilichtmuseum weitere Objekte. Außerdem gute (Bau)Vorlagen sowie Pläne und Bilder und ausreichend belegbare Hof- und Familiengeschichten. Besonders interessiert sich das Museum auch für Hofanlagen, die als Musterhöfe wohl in den 1950er Jahren auf einer Hamburger Baumesse vorgestellt worden. Hier werden dringend Quellen und Zeitzeugen gesucht. Kontakt: Tel. 040-790176-29 o. E-Mail: eggert@kiekeberg-museum.de.


Das Projekt Königsberger Straße

Die „Königsberger Straße“ ist das erste Museumsprojekt, das die Kulturgeschichte der Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre in der ländlichen Region vollumfänglich erforscht, bewahrt und ausstellt. Geplant ist eine deutschlandweit einmalige Ausstellungswelt, die anhand charakteristischer Gebäude mit authentischen Innenausstattungen dörflichen Wandel und Alltagsleben von 1945 bis in die 1970er-Jahre dokumentiert. Ein wichtiger Aspekt dabei ist der Einfluss der Millionen Flüchtlinge auf diesen Wandel. Zur fertigen Ausstellung sollen eine Doppelhaushälfte, eine Tankstelle, eine Ladenzeile und ein Aussiedlerhof gehören.