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Kaviar und Krawall - Wenn Abibälle "aus dem Ruder" laufen

Stein des Anstoßes: Gymnasiasten feierten eine Luxus-Sause im Privathotel Lindtner. War das zuviel des Guten? (Foto: uhg)
 
Sascha Mummenhoff
mi. Landkreis. Der Abiball ist seit vielen Jahren für Gymnasiasten der feierliche Abschluss ihrer Schulzeit. Gern etwas festlicher in Abendkleid und schickem Anzug begangen. Doch was die Abschlussfeier beim Abitur angeht, scheint mittlerweile das Motto „normal kann jeder - wir sind nicht normal“ zu gelten.
Das WOCHENBLATT zeigt an zwei Beispielen, dass die Bezeichnung „Reifeprüfung“ für das Abitur heute nur noch bedingt taugt.
Darf es etwas schicker sein?, das dachte sich offenbar der Abiturjahrgang des Albert Einstein Gymnasiums in Buchholz und wählte als Location das exklusive Privathotel Lindtner in Hamburg-Heimfeld aus. Zimmer gibt es dort laut Homepage ab 100 Euro pro Nacht. Dazu einen Spa-Bereich, zwei Restaurants und exklusives Catering. Mit ihrem Luxusball sorgten die Abiturienten auch an ihrer Schule für Irritation. So soll AEG-Schulleiter Hans-Ludwig Hennig Verständnislosigkeit für die Luxussause seiner Schüler geäußert haben.
Richtig krachen - im negativen Sinne - ließen es die Abiturienten des Hittfelder Gymnasiums. Ihre Feier im Hamburger Restaurant „Leuchtturm“ musste gegen 1.30 Uhr sogar durch die Polizei beendet werden.
Ein Gast schildert den Ablauf: Für etwa 70 Euro Eintritt gab es für die Teilnehmer (Abiturienten und ihre Familien) ein umfangreiches Büfett. Bis 22.30 Uhr waren alle Getränke frei - auch der Alkohol. Einige Schüler sollen das ausgenutzt haben. Gegen 22.30 Uhr - als die eigentliche Party begann - kamen weitere Gäste hinzu. Weinflaschen seien ohne Bezahlung entwendet worden, Gäste sollen außerhalb der Toiletten uriniert haben. Weil selbst die angeheuerten Security-Kräfte die jungen Erwachsenen nicht unter Kontrolle bringen konnten, musste die Polizei einschreiten. Die Ordnungshüter seien beschimpft worden, es kam sogar zu einer Festnahme.

Pro:
Die Zeit der Käse- und Mett-Igel ist vorbei - zum Glück

Wir haben uns verändert und mit uns unsere Ansprüche. Ich finde es in Ordnung, wenn junge Erwachsene gemeinsam mit ihren Eltern das Ende der Schulzeit in einer gehobenen Gastronomie feiern - und dafür auch nach Hamburg ausweichen. Zumal: Die Auswahl geeigneter Veranstaltungssäle ist im Landkreis begrenzt. Leider haben es viele Restaurant-Eigentümer verpasst, in ihre Häuser zu investieren. Der Charme der 1980er Jahre ist einfach nicht das Ambiente, in dem junge Menschen feiern möchten.
Das Aus der Käse- und Mett-Igel hat aber auch damit zu tun, dass es immer weniger Eltern gibt, die sich tatsächlich einbringen wollen. Fragen Sie mal Jugendtrainer, Lehrer und Kindergärtner, wer heute noch die Hand hebt, wenn es um zusätzliches Engagement geht. Das ist zwar schlimm - aber wohl auch Zeitgeist.
Aber - die Klassengemeinschaft muss dafür sorgen, dass niemand aufgrund der Kosten von der Feier ausgeschlossen wird. Notfalls muss dafür eine Umlage oder Sponsoring sorgen.
Selbstverständlich sind Ausschreitungen unter Alkoholeinfluss nicht zu tolerieren. Das gehört sich einfach nicht. Ganz gleich, ob in einer Turnhalle oder in einem Sterne-Hotel. Aber ist das nicht eine Frage der Erziehung?
Sascha Mummenhoff

Kontra:
Ein Abiball sollte in einem angemessenen Rahmen stattfinden

Muss es denn heute immer exklusiv, luxuriös und extravagant sein? Sicher, ein Abiball ist ein festlicher Anlass und sollte in einem angemessenen Rahmen begangen werden. Luxusveranstaltungen, bei denen weniger gut betuchte Familien per Los entscheiden müssen, wer Sohn oder Tochter begleiten darf, weil es sonst einfach zu teuer wird, sind für mich allerdings weder festlich noch feierlich, sondern schlicht und einfach unsinniges Protzen. Noch dazu mit fremdem Geld - nämlich dem der Eltern.
Was ist die Botschaft dahinter? Um mit uns zu feiern reicht es nicht, das Du Dein Abi hast. Nein, Du musst auch aus dem richtigen „Stall“ kommen. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ also. Lernt man das heute in der Schule? Oder geht es eher darum, dass auch für Abifeiern das neoliberale Mantra gilt: Nur was richtig kostet, ist auch richtig was wert. Das Abi an sich also keinen Wert mehr darstellt, sondern der Abiturient seine Wichtigkeit durch eine teure und exklusive Feier herausstellen muss. Wie auch immer; mit Reife hat eine Prunk- und Protzsause wenig zu tun. Aber heute heißt es ja auch Abitur und nicht mehr Reifeprüfung.
Mitja Schrader