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"Die 'hilch nacht' rockt"

Mit seinem Hörbuch über Lieder des Mittelalters: Journalist Rainer Schobeß

Rainer Schobeß bringt Musik aus dem Mittelalter mit ältestem Weihnachtslied in niederdeutscher Sprache als Hörbuch heraus

ce. Toppenstedt. Das Weihnachtslied "Stille Nacht, heilige Nacht" singen seit fast 200 Jahren Millionen Menschen. Einen Vorläufer davon und gleichzeitig eine echte Rarität förderte jetzt der Journalist Rainer Schobeß (59) aus Toppenstedt (Kreis Harburg) zutage: Er brachte das Hörbuch "Sänger, Schreiber und Studenten - Das Rostocker Liederbuch aus dem 15. Jahrhundert" (Tennemann-Verlag, ISBN 978-3-941452-40-4) mit Geschichten und Liedern aus dem Mittelalter heraus. Auf dieser CD ist mit "Eyn hillich dach und eyn hilch nacht" das älteste Weihnachtslied in niederdeutscher Sprache zu finden.
"'Stille Nacht, heilige Nacht' ist in meinen Augen ein recht ruhiges und sehr kitschiges Lied. Die niederdeutsche Variante ist voller ursprünglicher Freude über die Geburt Christi und rockt im Vergleich zu dem bekannten Klassiker", sagt Rainer Schobeß.
Die Ursprünge des "Rostocker Liederbuches" liegen rund 500 Jahre zurück. Damals schrieben Studenten ihre Lieblingslieder auf - Geschichten, zarte Liebeslyrik, aber auch derb-erotische Reime. Dies geschah vorwiegend in der zur Hansezeit gängigen niederdeutschen Sprache (nicht zu verwechseln mit Platt). 1915 wurden die Aufzeichnungen spektakulär wiedergefunden: Ein Buchbinder hatte die Blätter verklebt, um damit Buchdeckel zu verstärken.
Rainer Schobeß stieß Mitte der 70er Jahre als Student der Volkskunde, Geschichte und Publizistik in Göttingen auf das Liederbuch. "Mich faszinierte, dass sich darin Lieder über Themen fanden, die nicht nur junge Männer heute noch interessieren - nämlich Liebe, Sex und Politik", sagt er mit einem Schmunzeln. Mit der deutschlandweit bekannten Folk-Gruppe "Lilienthal", zu der er seinerzeit gehörte, nahm Schobeß 1983 für Radio Bremen die überlieferten Lieder mit großem Erfolg auf.
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Liederbuch-Wiederentdeckung hat Rainer Schobeß nun das Hörbuch herausgebracht. Es umfasst die mit moderner Studiotechnik leicht bearbeitete "Lilienthal"-Aufnahme, ein von Schobeß erstelltes Booklet mit hochdeutschen Lied-Übersetzungen und historischen Erläuterungen sowie ein unterhaltsames Rundfunk-Feature über die Rostocker Rarität, das der Journalist 1983 für Radio Bremen produzierte.
"Der Hörer und Leser bekommt einen authentischen Eindruck davon, wie die Musik im Mittelalter geklungen hat", sagt Rainer Schobeß, der heute als Kulturredakteur beim NDR-Landesfunkhaus Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin arbeitet. "Der Sound der Hansezeit geht auch heute noch ins Ohr."