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"Mit Rollstuhlfahrern und Familien nicht gerechnet": Desolate Informationspolitik erschwert ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern massiv die Arbeit

Nach der nächtlichen Ankunft in Gödenstorf: ein schlafendes Flüchtlingskind (Foto: Wolfgang Stöckmann)
 
Bei der Vorbereitung der Flüchtlingsankunft: Kai Rassek (li.) und Wolfgang Stöckmann vom Helferkreis Gödenstorf
 
Am Winsener Kreishaus: Hier wurden die später auf die Region verteilten Flüchtlinge in Empfang genommen (Foto: Landkreis Harburg)
ce. Landkreis. Insgesamt rund 260 Flüchtlinge wurden in diesen Tagen im Landkreis Harburg im Rahmen der Amtshilfe für das Land Niedersachsen aufgenommen. "Die Aufnahme hat sehr gut funktioniert. Unser Dank gilt insbesondere den ehrenamtlichen Helfern für die großartige Unterstützung", sagte Landrat Rainer Rempe. Während sich Politiker, Unternehmen und andere Institutionen in Sachen Flüchtlingshilfe vielerorts aber kaum einsetzen, werden den freiwillig Aktiven bei ihrem Engagement aufgrund einer desolaten Informationspolitik immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. Traurige Beispiele dafür erlebte jetzt etwa der Helferkreis Gödenstorf, dem rund 50 Männer und Frauen unter der Leitung von Wolfgang Stöckmann (57) und Kai Rassek (48) angehören. Insgesamt 45 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak wurden in der Nacht zu Mittwoch in die Wohncontaineranlage gebracht. "Im Vorfeld hatte man uns männliche Asylbewerber angekündigt, die untergebracht werden mussten. Dann erfuhren wir kurz vor der Ankunft, dass vorwiegend Familien mit insgesamt 19 kleinen Kindern auf dem Weg zu uns seien", berichtet Wolfgang Stöckmann gegenüber dem WOCHENBLATT. Per Telefonkette beschaffte der Helferkreis blitzschnell zusätzliche Wolldecken, Hygieneartikel sowie Kuscheltiere für die Kinder.
"Kurz darauf teilte man uns mit, dass wir auch zwei Rollstuhlfahrer in den Containern unterbringen müssten. Damit hatten wir ebenfalls nicht gerechnet", so Stöckmann. Er selbst ergriff sofort die Initiative und baute in seiner Werkstatt blitzschnell zwei Rampen, über die die Behinderten in ihre Wohnungen gelangen konnten. "Mit vereinten Kräften haben wir bis morgens um halb drei alles irgendwie hinbekommen. Die zuständigen Behörden müssen aber dringend an ihrer Informationspolitik arbeiten, denn die ehrenamtlichen Helfer können nicht laufend vor neue Probleme gestellt werden."

"Den Menschen ihre Würde lassen!"


"Wir machen unsere Arbeit mit Freude und sind gespannt, was auf uns zukommt", sagten Wolfgang Stöckmann und Kai Rassek, als sie jetzt die nächtliche Ankunft von 45 Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak in der örtlichen Containerwohnanlage vorbereiteten. Stöckmann ist zugleich Vorsitzender der Landeskirchlichen Gemeinschaft Gödenstorf, aus der sich ebenfalls viele Aktive im Kreis engagieren.
Insgesamt 107 Flüchtlinge kamen am Dienstagabend im Rahmen der Amtshilfe, die der Landkreis Harburg für das Land Niedersachsen bei der Unterbringung der Asylbewerber leistet, in die Region. Im Winsener Kreishaus wurden sie namentlich erfasst und medizinisch untersucht. Danach erhielten sie ihre Erstaufnahmebestätigungen und eine Verpflegungspauschale. Bei dem Prozedere wurde die Kreisverwaltung unterstützt vom DRK, der Johanniter-Unfallhilfe, der Feuerwehr sowie von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern des Herbergsvereins und des Kirchenkreises Winsen.
DRK-Kleinbusse brachten die Flüchtlinge dann ins ehemalige Winsener Hotel Europa und nach Gödenstorf. Dort wurden die Neubürger in einem Zelt mit Kaffee, Tee und Gebäck empfangen. Der Helferkreis stellte unter anderem für jede Wohngruppe Fernseher aus Spenden bereit sowie Infoordner in arabischer, französischer, englischer und deutscher Sprache mit Wissenswertem über Salzhausen und seine Institutionen. Kai Rassek erstellte zudem für die Initiative eine Homepage, deren Infos sich die Flüchtlinge auch auf ihren Smartphones herunterladen können. "Alle Welt redet von Integration, wir praktizieren sie. Bei uns sollen die Flüchtlinge spüren, dass wir ihnen ihre Würde lassen", so Wolfgang Stöckmann. "Es wäre schön, wenn sie uns so freundlich begegnen, wie wir es ihnen gegenüber tun", ergänzte Kai Rassek.
Am heutigen Freitagabend wurden im Rahmen der Amtshilfe 150 weitere Flüchtlinge im Winsener Kreishaus erwartet. "Für kommende Woche hat das Land von der Kreisverwaltung Amtshilfe zur Erstaufnahme von noch einmal 150 Flüchtlingen angefordert", so Kreis-Sprecher Bernhard Frosdorfer.
- Aufgrund der Flüchtlingsaufnahme bleibt das Gebäude A des Winsener Kreishauses am Montag, 26. Oktober, für den Publikumsverkehr geschlossen. Betroffen sind Bürgerservice, Kfz-Zulassung, Führerscheinstelle und Gesundheitsamt. Ratsuchende können auf die Bürgerservice-Außenstellen in Buchholz und Hittfeld ausweichen. Am Dienstag, 27. Oktober, steht die Winsener Servicestelle von 7.30 bis 17 Uhr - ebenso wie alle anderen Dienststellen im Haus A der Kreisverwaltung - wieder zur Verfügung.
- Wegen der Amtshilfe muss der Landkreis in der neuen Unterkunft in der Kantstraße 6 in Neu Wulmstorf bereits am Dienstag, 27., und Donnerstag, 29. Oktober, Flüchtlinge unterbringen. Dort ist Platz für bis zu 100 Asylbewerber. Die ursprünglich geplante Besichtigung für interessierte Bürger kann aus Zeitgründen nicht mehr stattfinden. Stattdessen verteilt die Gemeinde Neu Wulmstorf in Abstimmung mit dem Landkreis in den nächsten Tagen bebilderte Handzettel.
- Infos zur Gödenstorfer Flüchtlingsinitiative unter www.helferkreis-goedenstorf.de.

KOMMENTAR: "Flüchtlings-Hilfe statt Infos-Chaos"
Meine erste "Begegnung" mit einem Flüchtling hatte ich als Kind: Mit Spannung verfolgte ich die TV-Serie "Auf der Flucht", in der David Janssen als Arzt Dr. Richard Kimble fälschlich des Mordes an seiner Frau verdächtigt wurde und nach 120 Folgen endlich den wahren Täter fand. Was mich seinerzeit berührte, war die authentisch dargestellte Angst und Unruhe des ständig Gehetzten. Eben diese beobachte ich derzeit nicht nur bei vielen Asylbewerbern, die auf der Flucht vor Krieg und Terror in den Landkreis Harburg kommen. Auch die in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich aktiven Helferkreise und Einzelpersonen geraten immer öfter unter hohen Druck, weil sie bei der Einquartierung von Asylbewerbern von den zuständigen Behörden zu spät oder gar nicht informiert werden - etwa über die sich verändernde Anzahl der Unterzubringenden oder über zu berücksichtigende Handicaps. Hier muss schnellstens etwas geschehen. Denn wenn der Informationsfluss noch häufig ins Stocken gerät, werden aus den engagierten Freiwilligen, die ja vorwiegend noch im Berufsleben stehen, ganz schnell "flüchtige Bekannte", die ihre Hilfseinsätze frustriert beenden und das Weite suchen. Christoph Ehlermann