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Ahmads letzte Chance: Syrischer Flüchtling soll nach Bulgarien abgeschoben werden

Ahmad Souliman (20) hofft, dass es noch eine Chance gibt, in Deutschland zu bleiben
kb. Rosengarten. Ahmad Souliman aus Syrien spricht fließend Deutsch, er hat einen guten Realschulabschluss, einen Führerschein, engagiert sich als Fußball-Schiedsrichter und würde gerne eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich machen - der Umgang mit Zahlen fällt ihm leicht. Gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft in Deutschland, doch was sich liest wie eine gelungene Integration, sieht derzeit eher nach einer Geschichte ohne Happy End aus. Denn der 20-jährige Ahmad soll abgeschoben werden. Nach Bulgarien. Den Bescheid hat er bereits bekommen.
Dem jungen Mann aus der syrischen Stadt Kobane wird zum Verhängnis, dass er auf seiner Flucht bereits in Bulgarien einen Asylantrag gestellt hat, der auch bewilligt wurde. "Ich saß in Bulgarien vier Monate im Gefängnis, durfte nur raus, wenn ich den Antrag stelle. Eigentlich wollte ich das nicht", erzählt er. "Die Zustände dort waren schlimm. Wir bekamen keinen Sprachunterricht, durften nicht arbeiten, es gab überhaupt keine Perspektive für mich", sagt Ahmad. Er reiste weiter nach Deutschland, lebt seit knapp drei Jahren in der Gemeinde Rosengarten, gemeinsam mit seinen Eltern und sieben Geschwistern - allesamt anerkannte Flüchtlinge. Für seine Eltern ist Ahmad eine wichtige Stütze, besonders seit der Vater erkrankt ist.
Schon vor zwei Jahren sollte Ahmad nach Bulgarien abgeschoben werden (das WOCHENBLATT berichtete). Damals hatte sich u.a. die Leiterin der BBS Winsen, die der damals 18-Jährige besuchte, für den Verbleib ihres Schüler eingesetzt. Ahmad Souliman legte erfolgreich Widerspruch gegen die Abschiebung ein und durfte zunächst bleiben. Jetzt droht ihm erneut die Abschiebung. Dabei würde er nichts lieber machen, als eine Ausbildung in Deutschland beginnen und sich eine Existenz aufbauen. "Ich habe schon mehrere Praktika gemacht, u.a. bei einem Steuerberater in Hamburg", berichtet der junge Mann. "Das hat mir großen Spaß gemacht." Zwischenzeitlich hätte er auch gerne ein wenig Geld verdient, aber als ihm vor Monaten eine Stelle bei einem Unternehmen in Buchholz angeboten wurde, erlaubte ihm die Ausländerbehörde nicht, zu arbeiten.
Ahmads letzte Chance ist jetzt, ganz schnell einen Ausbildungsplatz zu finden. Der würde ihm zumindest eine Duldung verschaffen. Wählerisch ist er nicht, dafür aber hoch motiviert. Da er einen Führerschein besitzt, muss der Ausbildungsplatz nicht unbedingt in der Nähe sein. "Vielleicht gibt es ja eine Firma, die noch jemanden sucht und dann könnte ich auch bei meiner Familie bleiben", hofft Ahmad.
Die jetzige Situation ist schwer für ihn, über allem schwebt die drohende Abschiebung. "Zum Glück bekomme ich viel Unterstützung von den Flüchtlingsinitiativen, auch Karsten Egler ist eine große Hilfe", erzählt Ahmad. Egler trainiert die Futsal-Mannschaft „Team International“ des FC Rosengarten, in der Ahmad mitspielt und hat immer ein offenes Ohr für seine "Jungs".
Warum er nicht in Deutschland bleiben darf, versteht Ahmad nicht. "Es gibt viele, die kein Ziel haben, nur herumliegen und nichts tun. Ich habe mir total Mühe gegeben. Und was ist? Ich darf trotzdem nicht bleiben."

Kommentar

Entscheidung ist falsch


Der Tipp, der auf Ahmads derzeitige Situation aufmerksam machte, kam nicht von Ahmad selbst oder seiner Familie, sondern von dritter Seite. Ahmad wollte eigentlich keine große Aufmerksamkeit. Mir geht die Geschichte dieses jungen Mannes seit unserem Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Natürlich kann Deutschland nicht allen Geflüchteten Asyl gewähren. Es ist sinnvoll, Kriterien zu haben, anhand derer geprüft wird, ob es jemandem ermöglicht werden soll, dauerhaft hier zu leben. Am Ende bleibt es aber eine Einzelfallentscheidung.
Hier wurde entschieden, jemanden abzuschieben, dessen Eltern und sieben Geschwister anerkannte Flüchtlinge sind, dessen Deutsch so gut ist, dass man zwischendurch völlig vergisst, dass er erst seit drei Jahren hier lebt, der einen Schulabschluss absolviert hat und dringend arbeiten möchte, der sich ehrenamtlich als Schiedsrichter engagiert und gut integriert ist, und dann noch in ein Land, in dem Geflüchtete unter teils sehr fragwürdigen Umständen leben und keine Zukunftsperspektive haben. All das unberücksichtigt zu lassen und nur nach Paragraphen zu entscheiden, mag rechtlich gesehen richtig sein, menschlich ist es falsch. Katja Bendig