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"Ich zahle, damit ich arbeiten kann": Rollstuhlfahrer verdient weniger als ihn sein Arbeitsweg kostet

Christian Brandt mit einem von mehreren Ablehnungsbescheiden von der Rentenversicherung (Foto: kb)
kb. Seevetal. Christian Brandt (37) bezahlt mehr für seinen Weg zur Arbeit und zurück, als er verdient. Was absurd klingt, ist für den Seevetaler seit knapp einem Jahr bittere Realität. Seit März 2014 geht der zu 100 Prozent schwerbehinderte Rollstuhlfahrer nach einer Wiedereingliederungsmaßnahme wieder einer Teilzeitbeschäftigung bei einer Unfallversicherung in Hamburg nach. Dreimal in der Woche bringen ihn die "Fliegenden Rollis" zu seiner Firma und zurück. Doch die Deutsche Rentenversicherung (DRV) verweigert ihm den Fahrtkostenzuschuss. Knapp 10.000 Euro hat der Schwerbehinderte bisher selbst übernommen. "Ein, zwei Monate kann ich das noch zahlen, aber dann sind meine Ersparnisse weg", sagt Brandt.
Seit über zwei Jahren streitet er sich schon mit der Rentenversicherung, die auch die Wiedereingliederung nicht unterstützt hat und die benötigten Hilfsmittel am Arbeitsplatz ebenso wenig zahlen wollte. Was das Ganze ins Absurde führt: Christian Brandt arbeitet schon seit fast 20 Jahren bei demselben Unternehmen in Hamburg und vor seinem krankheitsbedingten Ausfall hat die Rentenversicherung die Fahrtkosten ohne weitere Probleme übernommen. Woher der Sinneswechsel jetzt kommt, kann Brandt nicht nachvollziehen.
"Für die Rentenversicherung wäre es wahrscheinlich einfach billiger, wenn ich zu Hause bleibe und Rente beantrage", vermutet Christian Brandt. "Es ist schwer genug, einen Job zu finden - ich habe einen und mir werden solche Steine in den Weg gelegt."

Der Seevetaler arbeitet seit fast 20 Jahren bei einem gesetzlichen Unfallversicherer in Hamburg. Bis zu seinem krankheitsbedingten Ausfall war er im Callcenter tätig. Inzwischen arbeitet er in der Fehleranalyse. Um seine Arbeit erneut aufnehmen zu können, wurde er Anfang 2013 von einem Gutachter in Augenschein genommen. Der bestätigte Brandt eine hohe Motivation, ins Berufsleben zurückzukehren. Gleichzeitig empfahl der Gutachter, in eine andere Abteilung zu wechseln, weil die Tätigkeit im Callcenter zu anstrengend sei. Grundsätzlich hielt der Fachmann aber eine Teilzeitbeschäftigung mit drei Arbeitstagen á sechs Stunden für machbar. Außerdem hielt der Gutachter fest, dass Christian Brandt auf einen Fahrdienst angewiesen ist. "Den hatte ich ja vorher auch", erzählt der Rollstuhlfahrer.
Im Oktober 2013 beantragte Christian Brandt die berufliche Wiedereingliederung sowie Zuschüsse für Hilfsmittel am Arbeitsplatz und die Fahrtkosten bei der DRV. Und hörte erstmal nichts. Im Dezember begann er mit der Wiedereingliederung, arbeitete zunächst einen Tag in der Woche. Einen Monat vor Beendigung der Maßnahme, Mitte Februar, lehnte die DRV die Wiedereingliederung dann ab. Mit der lapidaren Begründung, das Ganze sei nicht erfolgsversprechend. Auch einen Zuschuss zur Beförderung wollte die DRV nicht leisten, die Kosten dafür hatte inzwischen schon Brandts Arbeitgeber übernommen.

Wenige Tage nach dem Bescheid legte Christian Brandt mit Unterstützung seiner Anwältin Widerspruch ein. Ab Mitte März 2014 ging der Seevetaler einer regulären Teilzeitbeschäftigung nach. Im Juni kontaktierte seine Anwältin die DRV erneut, erinnerte an den Widerspruch. Daraufhin wurde aus Berlin noch einmal das Gutachten von 2013 angefordert. Ansonsten herrschte Schweigen. Im Oktober setzte Brandts Anwältin der DRV eine letzte Frist, dort monierte man wenig später Brandts "zögerliche Mitwirkung". Bis zum erneuten ablehnenden Bescheid zu seinem Widerspruch musste Christian Brandt dann noch einmal Monate warten. Der trudelte im Januar ein. Wieder habe man ihm mangelnde Erfolgsaussichten bescheinigt. Für Christian Brandt reiner Hohn. "Ich fühle mich verarscht", so der Seevetaler. "Ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag, was soll ich denn noch erreichen?"
Er will jetzt weiter kämpfen und Klage einreichen. Aufzugeben und Rente zu beziehen, wie ihm u.a. vom Arbeitsamt geraten wurde, ist für ihn keine Alternative. "Ich will meine Zeit nicht einfach absitzen, sondern gebraucht werden", sagt der Rollstuhlfahrer.