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Kurt Schumacher war schuld

Rudolf Lippenberger mit seiner Urkunde für 70-jährige Parteimitgliedschaft
Würde auch heute noch in die SPD eintreten: Rudolf Lippenberger (94) ist seit 70 Jahren Parteimitglied

kb. Seevetal.
Manchmal stecken hinter kleinen Meldungen spannende Geschichten: So wie hinter der Mitteilung der SPD Seevetal über die Ehrung langjähriger Mitglieder. Darunter: Rudolf Lippenberger, der für 70 Jahre Parteizugehörigkeit ausgezeichnet wurde. 70 Jahre? Eine stolze Zahl und Grund genug einmal nachzufragen. Wie kam Rudolf Lippenberger damals zur SPD? Wer waren seine politischen Vorbilder? Und hat er nie an Austritt gedacht?
Rudolf Lippenberger (94), der inzwischen in Meckelfeld lebt, stammt aus Altona. „Meine Familie war schon immer rot angehaucht“, erzählt er. Die Geschwister seiner Mutter waren früh in der Gewerkschaft. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde die Wohnung seines Onkels, der als Gewerkschaftssekretär arbeitete, durchsucht, ihm Telefon und Radio weggenommen. „Danach war er arbeitslos“, erinnert sich Lippenberger. Er selbst und seine Familie hätten zwar „unter Beobachtung“ gestanden, „aber wir wohnten in der 'roten Ecke' in Altona, da ging das.“ Aufgrund einer schweren Lungenerkrankung, die sich der junge Rudolf bei seinem Einsatz in den Jahren 1941/42 beim Russland-Feldzug zugezogen hatte, wurde er später aus dem Kriegsdienst entlassen. Silvester 1943 - die Familie war zu dieser Zeit ausgebombt - heiratete er seine Frau Gertrud, mit der er kürzlich den 74. Hochzeitstag feierte.
Schon 1945 trat Rudolf Lippenberger in die Gewerkschaft ein, zwei Jahre später in die SPD. „Ich hatte in Altona eine Rede von Kurt Schumacher gehört, der mir sehr imponierte“, erzählt er. Sein politisches Engagement konzentrierte der gelernte Schriftsetzer in den Jahrzehnten danach auf die Gewerkschaftsarbeit, war im Vorstand des Ortsvereins der „IG Kunst, Kultur und Medien“ und wurde Betriebsratsvorsitzender. „Wir haben teilweise harte Verhandlungen geführt“, erinnert er sich. Sich für die Interessen der Arbeiter stark zu machen, das war Rudolf Lippenberger schon immer wichtig. „Wenn man sich nicht bemerkbar macht, wird man verheizt“, so seine Überzeugung. Die Arbeit gescheut, hat Lippenberger nie. Nach seinem Renteneintritt arbeitete er noch bis zum 81. Lebensjahr freiberuflich weiter. „Mir hat das Spaß gemacht und man muss sich ja schließlich beschäftigen“, erzählt der Senior.
Der SPD blieb Lippenberger in den zurückliegenden Jahrzehnten immer treu. „Für mich war das immer die Volkspartei für alle, die nicht so viel im Portemonnaie haben“, sagt er. Er erinnert sich gern an Helmut Schmidt oder Herbert Wehner zurück. „Das waren noch richtige Persönlichkeiten“, so Lippenberger. Aber auch Gerhard Schröder und dessen Agenda 2010 hätten ihn beeindruckt. Und wer gefällt ihm aus der derzeitigen SPD-Riege? „Ich finde, Sigmar Gabriel macht sich ganz gut als Außenminister“, sagt der 94-Jährige. An Austritt habe er nie gedacht, im Gegenteil: „Ich würde auch heute noch in die SPD eintreten.“
Da seine Frau an Demenz leidet, kümmert sich Rudolf Lippenberger um sie und den gesamten Haushalt. „Ich habe immer bewundert, wie toll meine Frau für unsere drei Kinder gesorgt hat, besonders Ende der 1940er Jahre als ich viele Monate nicht zu Hause war, weil ich wegen meiner Lungenkrankheit behandelt wurde. Jetzt tue ich das eben für sie“, sagt Lippenberger ganz pragmatisch. Kraft gibt ihm vor allem die Familie - drei Töchter, sechs Enkel, acht Urenkel und ein Ur-Urenkel.
Zum 70-jährigen SPD-Jubiläum wurde Lippenberger nicht nur eine vom Parteivorsitzenden persönlich unterschriebene Urkunde überreicht, sondern auch die silberne Willy-Brandt-Gedächtnismedaille. Doch Rudolf Lippenberger misst derlei Auszeichnungen nicht viel Bedeutung zu. „Das ist inzwischen ja schlicht meinem Alter geschuldet, dass da eine Urkunde nach der anderen eintrudelt“, sagt er und lacht.