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"Meine Seele war kaputt": Wolter Welle überlebte vor 70 Jahren die Bombenangriffe auf Dresden

Wolter Welle mit einer Postkarte der zerstörten Frauenkirche
 
Welle erinnert sich noch gut daran, wie er als Kind durch die Trümmer der Dresdner Innenstadt lief
kb. Helmstorf. "Ich habe erst sehr viel später begriffen, was da wirklich passiert ist." Wolter Welle (74) aus Seevetal muss immer noch mit den Tränen kämpfen, wenn er sich an den Februar 1945 erinnert. Es war spätabends, als vor genau 70 Jahren am 13. Februar 1945 die ersten Bomber über Dresden donnerten und begannen, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. In insgesamt vier Angriffswellen vom 13. bis zum 15. Februar zerstörten Briten und Amerikaner große Teile der Dresdner Innenstadt sowie der industriellen und militärischen Infrastruktur. Nach neueren historischen Untersuchungen starben dabei etwa 25.000 Menschen. Mittendrin im Bombenhagel: der kleine Wolter. Er wurde in Dresden geboren und lebte dort mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder.
Wolter Welle war nicht ganz fünf Jahre alt, als das Bombardement auf Dresden seinen schrecklichen Höhepunkt erreichte. Seine Mutter legte den kleinen Jungen stets komplett bekleidet ins Bett. "Bei Fliegeralarm musste ich nur noch schnell Mantel, Mütze und Handschuhe überstreifen und wir liefen in den Luftschutzbunker", erinnert er sich. Auf einer langen Holzpritsche saß er dort zwischen Mutter und Bruder gemeinsam mit zwei Dutzend Nachbarn. Zwischen seinen Füßen stand sein selbst genähter Rucksack, darin sein Teddybär. "Alle schwiegen, als die Flugzeuge über uns dröhnten. Wenn die Bomben fielen, knallte es so laut, dass mir die Ohren weh taten", erzählt Welle.
Als der Junge die Bomber zum ersten Mal bei Tag sah, war er eher fasziniert als ängstlich. "Die Flugzeuge waren silbern am Horizont zu erkennen, das sah interessant aus", erinnert sich Welle. Nach den Angriffswellen regnete es Asche, überall war Rauch. "Und es lag ein süßlicher Gestank in der Luft - von verbranntem Fleisch." Welle muss schlucken, wenn er sich daran erinnert. "Ich fragte meine Mutter, warum es so stinkt. Sie schob es auf den Schlachthof, dort seien Schweine verbrannt", so der 74-Jährige. "Meine Mutter hat so schön gelogen."
Fast wie durch ein Wunder wurde das Haus, in dem die Familie lebte, von den Bombenangriffen verschont. "Aber meine Seele war kaputt", so Wolter. "Ich habe an der Welt der Erwachsenen gezweifelt, mein Ur-Vertrauen war weg." Kraft habe ihm seine Mutter gegeben. "Sie sagte, ich muss lernen, Dinge, die ich nicht ändern kann, anzunehmen."
Knapp zehn Jahre nach Kriegsende kam Wolter Welle mit seiner Familie nach Hamburg, wurde Tischlermeister und landete schließlich in Helmstorf, wo er inzwischen 42 Jahre lebt. Die Lehren, die er aus den Kriegserlebnissen zieht, sind nicht etwa Verbitterung oder Resignation. "Wir müssen menschlich miteinander umgehen, einander helfen, mitfühlen und verzeihen", sagt Welle. Seine großen Themen sind Weltfrieden und Menschlichkeit. Um darauf aufmerksam zu machen, fährt er auch schon mal mit seinem bunt beflaggten Auto - rechts die Flagge Palästinas, links die Israels - durch Seevetal. Welle will auch daran erinnern, wie zerbrechlich der Frieden ist. "Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre die Frauenkirche nicht wieder aufgebaut worden, sondern als Mahnmal erhalten geblieben", sagt er. "Die Erinnerung verblasst so schnell."