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„Wir werden eingeschüchtert“: Landkreis nimmt Kritik der Tagesmütter ernst und prüft Vorkommnisse

kb. Landkreis. Seitenlange E-Mails erreichten das WOCHENBLATT nach der Berichterstattung über die Kritik zweier Tagesmütter an der Zusammenarbeit mit dem Landkreis Harburg. „Es war längst überfällig, dass das an die Öffentlichkeit kommt, ich habe bisher aus Angst geschwiegen“, schreibt eine Tagesmutter, die anonym bleiben möchte, weil sie berufliche Konsequenzen befürchtet. „Wir sind von den gleichen Problemen betroffen, wie die Kolleginnen in dem Artikel“, so Mitglieder des Vereins „Kinderbetreuung Winsen/Luhe und Umgebung“.
Was ist los in der zuständigen Abteilung „Besondere Leistungen für Kinder und Jugendliche“ beim Landkreis? Glaubt man den Schilderungen der Tagesmütter und -väter, im Fachjargon Kindertagespflegepersonen (KTTP), dann ist es neben der Kritik an einzelnen Regelungen, die von einigen als willkürlich empfunden werden, vor allem der Tonfall gegenüber den Tagesmüttern, der für Kopfschütteln sorgt.
Die Tagesmütter beschreiben das so: „Es herrscht ein rauer, militär-ähnlicher Befehlston. Man wird von den Mitarbeitern eingeschüchtert und in seine Schranken gewiesen. Man hat das Gefühl, nur als lästiger ‚Möchtegern-Erzieher gesehen zu werden.“ Vor allem eine Mitarbeiterin (Name der Redaktion bekannt) steht in der Kritik. Sie soll die Tagesmütter nicht nur „von oben herab“ behandeln, sondern in Einzelfällen auch mit dem Entzug der Pflegeerlaubnis gedroht haben, unter dem Hinweis, dass die betroffene Tagesmutter diese dann „so schnell nicht wiederbekomme.“ Diese Tagesmutter schildert auch, dass es schon vorgekommen sei, dass Teilnehmer der Eignungsfeststellungsprüfung weinend aus dem Raum gelaufen seien, nachdem sie zuvor „heruntergemacht“ wurden.
Ein anderes Beispiel: Eine Tagesmutter hat die Erlaubnis, fünf Tageskinder zu betreuen, darunter dürfen zwei Kinder unter zwei Jahren sein. Mit Betreuungsbeginn im Sommer 2014, wäre ein drittes Kind für ganze zwei Tage unter zwei Jahre alt gewesen. Der Tagesmutter wurde mitgeteilt, dass sie dafür eine Sondergenehmigung beantragen müsse, wofür es notwendig wäre, dass zwei Mitarbeiter kommen und ihr Umfeld beurteilen. „Was für ein Riesenaufwand für zwei Tage“, so die Buchholzerin. Also teilte sie telefonisch mit, dass sie das betroffene Kind erst drei Tage später, also nach seinem zweiten Geburtstag, in die Betreuung nehmen würde. Prompt habe sie darauf einen Anruf von der Mitarbeiterin des Kreises bekommen, die ihr gedroht habe, sie solle nicht versuchen, das Kind doch schon früher zu betreuen, ansonsten würde ihr die Pflegeerlaubnis entzogen werden. Die Tagesmutter regelte den Fall wie beabsichtigt mit den Eltern. Wobei man ihr offensichtlich nicht vertraute. Denn zufällig tauchten in eben jenem Zeitraum zwei Mitarbeiter des Landkreises zu einem unangekündigten Hausbesuch bei ihr auf und kontrollierten, ob das Kind nicht doch in der Tagespflege war. „Ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher“, so die Tagesmutter.
„Bei objektiver Betrachtung des geschilderten Falls müssen wie feststellen, dass hier Ermessensspielräume für eine formlose Sondergenehmigung nicht genutzt wurden“, sagt dazu Reiner Kaminski, Fachbereichsleiter Soziales beim Landkreis. Es sei nicht im Sinne des Landkreises, bei den Tagespflegepersonen den Eindruck zu erwecken, dass in der Verwaltung willkürlich gehandelt und entschieden wird. „Wir nehmen die Vorwürfe ernst und prüfen die geschilderten Fälle“, so Kaminski.
In der kommenden Woche findet außerdem ein Treffen mit Vertretern der Verwaltung und der beteiligten Vereine, in denen sich die Tagesmütter und -väter organisieren, statt. „Wir gehen ergebnisoffen in diese Gespräche mit der Bereitschaft, mögliche Ermessensfragen und Spielräume zu benennen und einvernehmliche Lösungen und Vereinbarungen für die weitere Zusammenarbeit zu verabreden“, sagt Kaminski. Es werde auch darum gehen, mögliche Missverständnisse abzubauen und Verständnis für die jeweils andere Seite aufzubringen. Wenn alles läuft, wie geplant, sollen diese Treffen regelmäßig stattfinden.
Dazu, ob die genannte Mitarbeiterin auf dem richtigen Platz sitzt, will sich Kaminski mit dem Hinweis, dabei handele es sich um interne Vorgänge, nicht äußern. Nur so viel: Es würden klärende Gespräche mit den betreffenden Personen geführt.

Kommentar:

Hier läuft etwas falsch

Die Tagesmütter, die sich nach dem Artikel gemeldet haben, schildern übereinstimmend, dass sie sich von Mitarbeitern des Landkreises schlecht und herablassend behandelt fühlen. Dass hier vor allem eine Mitarbeiterin genannt wird, sollte die Verwaltung aufhorchen lassen. Vielleicht ist diese Person auf dieser Position schlicht fehlbesetzt, vielleicht fehlt ihr einfach das Fingerspitzengefühl im Umgang mit anderen, vielleicht täte man ihr sogar einen Gefallen damit, sie aus einem Bereich abzuziehen, der ihr offensichtlich nicht allzu viel Freude bereitet. Wenn dies tatsächlich so sein sollte, müssen aus dieser Erkenntnis Konsequenzen folgen.
Schön ist in jedem Fall, dass Bewegung in die Sache kommt und sich der Landkreis mit Vertretern der Tagesmütter und -väter zusammensetzt.
Noch schöner wäre es allerdings gewesen, wenn sich Reiner Kaminski zu einem klaren „Ja, hier läuft offensichtlich etwas falsch“ hätte durchringen können.
Katja Bendig