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"Armut ist ganz oft weiblich"

Armut ist oft weiblich: Besonders Frauen werden in Teilzeit- und Mini-Jobs gedrängt, wo sie oft nur einen Niedriglohn verdienen (Foto: Verdi/NGG)

Zahl der Mini-Jobs im Landkreis nimmt immer mehr zu / Frauen bilden Mehrheit im Niedriglohnsektor

(kb). Auch im Landkreis Harburg haben Frauen die schlechteren und die schlechter bezahlten Jobs. Sie werden in Teilzeit- und Mini-Jobs gedrängt. So das Ergebnis einer Studie des Pestel-Instituts aus Hannover, die im Auftrag der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) und der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Auftrag erstellt wurde.
Laut Pestel-Institut sind lediglich 37 Prozent aller Vollzeitstellen im Landkreis Harburg mit Frauen besetzt. Ganz anders bei den Teilzeit- und Mini-Jobs: Hier betrage der Frauenanteil 73 Prozent.
Doch gerade hier ist das Niedriglohn-Risiko am höchsten: „Zwei von drei der Mini-Jobs werden mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde bezahlt. Oft liegen sie sogar weit darunter“, sagt Matthias Hoffmann von Verdi. Der Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Lüneburger Heide spricht von einer „Niedriglohn-Schicht“, die vom „fair bezahlten und damit anständigen Arbeitsmarkt“ mehr und mehr abgekoppelt werde. „Gerade Frauen werden als billige Arbeitskräfte von Teilen der Wirtschaft regelrecht ausgenutzt“, so Hoffmann.
Gemeinsam mit Verdi übt die NGG heftige Kritik an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im Landkreis Harburg: „Arbeitsplätze, von denen man leben kann, werden systematisch abgebaut. Mini-Jobber übernehmen immer öfter die Arbeit von Vollzeitkräften“, sagt Silke Kettner. Die Geschäftsführerin der NGG-Region Lüneburg belegt dies mit den Zahlen vom Pestel-Institut. Demnach hat die Zahl der Mini-Jobs in den vergangenen zehn Jahren um 69 Prozent zugenommen.
Die Bundesregierung habe hier „auf ganzer Linie versagt“, sagt Verdi-Bezirksgeschäftsführer Hoffmann. Seit Jahren stemme sie sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. „Dabei wird es höchste Zeit, diese Notbremse zu ziehen“, so Hoffmann. Vordringliche Aufgabe der neuen Bundesregierung müsse es sein, einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro einzuführen.
Für einen Niedriglohn zu arbeiten, bedeute, dass man den Gürtel ganz eng schnallen muss. Wer dazu gezwungen ist, habe nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören, sagt Silke Kettner. Ganze Familien würden so vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. „Bus- und Bahnfahrten sind für diese Menschen oft schon etwas Besonderes. Der Gang ins Kino oder Schwimmbad ist die absolute Ausnahme“, so Kettner.
NGG und Verdi appellieren an alle Beschäftigten, die einen Niedriglohn von weniger als 8,50 Euro pro Stunde bekommen, diesen online beim Dumpinglohnmelder (http://www.dumpinglohnmelder.de) zu melden. Beide Gewerkschaften wollen so die „Deutschland-Billiglohn-Landkarte“ vervollständigen. Schon jetzt zeichne sich dabei ab, dass „die Armut ganz oft weiblich ist“, sagt Kettner.