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Ex-"Sex-Papst" als Zeuge

Jens L.: Sein Therapeut bescheinigt ihm hohe Intelligenz

"Zocker-Prozess": Gericht würdigt Ausführungen des Therapeuten Dr. Marcus Wawerzonnek

tp. Stade. In dem "Zocker-Prozess" gegen den ehemaligen Investment-Banker Jens L.* (40) aus Stade vor dem Stader Landgericht warteten die Anwälte des wegen Millionenbetrugs Angeklagten jetzt mit einer schillernden Persönlichkeit als Zeugen auf: Dr. Marcus Wawerzonnek (57). Der von der Verteidigung als Privatgutachter über Jens L.s Spielsucht eingesetzte Therapeut hat einen kuriosen Ruf als früherer "Sex-Papst".

In den 1980er Jahren erregte der pomovierte Erziehungswissenschaftler Wawerzonnek, der heute Geschäftsführer des "Instituts für angstfreie Wissenschaft" ist, mediales Aufsehen als Aufklärer und trat als Sexual-Experte in Fernsehshows auf. Jens L.s Anwälte betonten vor Gericht die Seriosität Wawerzonneks als Therapeut. Nach eigenen Angaben arbeitet er seit drei Jahrzehnten als Gerichtsgutachter.

Wie mehrfach berichtet, soll Jens L. bei seinem Ex-Arbeitgeber, der Deutschen Bank in Buxtehude, 8,4 Millionen Euro Kundengeld veruntreut und in der Spielbank verzockt haben. Während der vom Gericht bestellte Gutachter Dr. Harald Schmidt Jens L. für schuldfähig hält, gehen seine Verteidiger von Schuldunfähigkeit aufgrund von krankmachenden Arbeitsbedingungen unter hohem Leistungsdruck bei der Bank aus. Den Ansatz stützt Dr. Wawerzonnek: Bei ihm war L. mehrfach in Behandlung.

Beim ersten Kontakt im Jahr 2008 erkannte Wawerzonnek bei Jens L. eine hohe Suizidgefahr, sah Anzeichen von Burn-out und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Dem WOCHENBLATT sagt Wawerzonnek: "Ich habe Jens L. als hoch intelligenten und zugleich hochgradig kranken Menschen kennengelernt."
Anfangs, so Wawerzonnek, sei L. "besessen" von der Idee gewesen, ein todsicheres System gefunden zu haben, im Kasino Geld zu gewinnen, um es an die geschädigten Kunden zurückzuzahlen.

Therapeut und Klient unternahmen im Rahmen einer 1.000-stündigen Behandlung unter anderem therapeutische Spielbank-Besuche und spielten rund 100 Stunden gemeinsam Badminton, was bei dem schwergewichtigen, unter Kreislaufbeschwerden leidenden Jens L. vorübergehend zu einer drastischen Gewichtsreduktion geführt hatte. "Ich habe L. als gesunden Menschen entlassen", sagt Wawerzonnek, der harsche Kritik an dem Leistungssystem bei der Deutschen Bank übt.

Das Gericht scheint Wawerzonneks Ausführungen Bedeutung beizumessen: Laut Gerichtssprecherin Petra Baars "wird sich die Kammer wird mit allen Beweismitteln, unter anderem auch dem sachverständigen Zeugen Dr. Wawerzonnek befassen und diese würdigen. "Wie diese Würdigung ausfällt", so Baars, "wird die Kammer entsprechend der Strafprozessordnung erst im Urteil bekanntgeben".

• Am Montag, 28. Juli, um 9 Uhr, geht der schon seit elf Monaten andauernde Banker-Prozess weiter. Im Zeugenstand steht erneut Jens L.s ehemaliger Vorgesetzter, der Ex-Bank-Filialleiter Thorsten M.*.

*Namen von der Redaktion gekürzt