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Prozess um tödliches Ehedrama vor dem Stader Landgericht: Eine Stimme sprach zur Angeklagten

Hielt sich schützend eine Aktenmappe vor das Gesicht: die Angeklagte Andrea P. mit ihrer Anwältin Katrin Bartels
lt. Stade. Ein Ehedrama im Geest-Dorf Oldendorf erschütterte im Herbst 2016 die Region. Jetzt hat der Prozess wegen Totschlags gegen Andrea P. (46) vor dem Stader Landgericht begonnen. Sie hat ihren Mann (49†) im gemeinsamen Wohnhaus in dem Neubaugebiet „Getreidesiedlung“ mit einem Messerstich ins Herz getötet (das WOCHENBLATT berichtete).
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau schuldunfähig ist. Sie hatte berichtet, eine Stimme gehört zu haben, die sie dazu gebracht hätte, ein Feuer zu legen und ihren Mann zu töten.

„Es ging mir sehr schlecht“, sagte die Angeklagte auf Nachfrage von Richter Matthias Bähre. Zuvor hatte sie in Handschellen und mit einer grünen Aktenmappe vor dem Gesicht den Saal betreten. Eine Betreuerin und ihre Anwältin Katrin Bartels saßen an ihrer Seite.
Andrea P. berichtete von einem Kurzurlaub im Thüringer Wald, den sie und ihr Mann einen Tag früher als geplant abgebrochen hatten. Der Grund sei die Stimme gewesen, die sie immer wieder gehört und die immer aggressiver geworden sei. Am Vorabend der Tat sei das Ehepaar gegen 22 Uhr zu Hause angekommen. Andrea P. habe noch eine Waschmaschine angestellt, ihr Mann sei zu Bett gegangen. Sie sei immer hektischer geworden und habe versucht, mit Handtüchern und einem Foto von der Wand ein Feuer anzuzünden. Es habe aber nur gequalmt, so die Angeklagte, die mit ihrem schütteren, kurzen Haar älter als 46 Jahre wirkt.
Sie habe sich in der Nacht umbringen wollen, damit sie „keine Dummheiten“ mache, so Andrea P.. Da sie keine Schlaftabletten gefunden habe, wollte sie zwei Geschirrspültabs in Wasser auflösen. Zweimal habe sie an dem Giftcocktail genippt, doch die Tabs hätten sich nicht aufgelöst. Dann sei ihr Mann in die Küche gekommen.
„Ich war wild und aggressiv durch die Stimme“, sagt Andrea P., die daraufhin offenbar zu einem Steakmesser griff. Nachdem sie einmal auf ihren Mann eingestochen hatte, habe sie sich erleichtert gefühlt, weil die Stimme verstummt war.

Mehrmals fing die Altenpflegerin im Gerichtssaal an zu weinen, als sie den Tathergang schilderte. Sie habe ein inniges Verhältnis zu ihrem Mann gehabt und ihm eigentlich alles erzählt, so Andrea P.. Von der Stimme, die sie seit Sommer 2016 gehört haben will, berichtete sie ihm aber nicht. „Ich hatte Angst, dass er mich einweisen lässt“, sagt die Angeklagte.

Erst auf Nachfrage von Richter Matthias Bähre erinnert sich die Angeklagte, dass sie in der Tatnacht bei der Polizei angerufen hatte, um sich nach ihrer Tochter (18) zu erkundigen, die zu der Zeit nicht Zuhause war. Die Stimme habe ihr gesagt, dass dem Mädchen etwas passiert sei.
Außerdem habe die Stimme sie aufgefordert, ein Feuer zu machen. Das Haus habe sie aber nicht anzünden wollen, so Andrea P.. Die Idee, sich anschließend selbst das Leben zu nehmen, sei ihre eigene gewesen, berichtet die Angeklagte.

Was genau sie aber veranlasst habe, ihrem Mann ein Messer ins Herz zu rammen, könne sie nicht mehr sagen. Als sie erzählt, wie sie sich nach der Tat einfach in der Stube in einen Sessel gesetzt habe, ohne weiter an ihren Mann zu denken, bricht sie in Tränen aus. Ihr Mann setzte zur gleichen Zeit im gemeinsamen Schlafzimmer einen Notruf bei der Polizei ab, erlag aber kurz darauf seinen Verletzungen.

Als sie Polizei in den frühen Morgenstunden schließlich am Einfamilienhaus der Familie eintraf, saß Andrea P. noch immer im Sessel. Sie habe laute Geräusche gehört und gedacht, jemand komme, um sie zu töten, sagt die Frau.
Dass ein Polizist die Terrassentür erst aufgeschossen und dann mit einem Feuerlöscher eingeschlagen habe, um ins Haus zu kommen, habe sie nicht wahrgenommen.

Die Angeklagte konnte sich außerdem nicht daran erinnern, dass sie kurz nach der Tat bei der Polizei darauf bestanden habe, dass eine geistige Heilerin informiert werden solle. Bei dieser war Andrea P. offenbar aufgrund ihrer Neurodermitis in Behandlung gewesen.
Sie habe damals offenbar gedacht, dass die Behandlung mit der Stimme in Zusammenhang stehen könnte.

Inzwischen sei die Stimme nicht mehr so präsent wie damals, berichtet Andrea P., die im Maßregelvollzugszentrum in Moringen für menschen mit psychischen Erkrankungen untergebracht ist und Medikamente bekommt. Nach eigener Aussage habe sie Kontakt zu ihrem Vater, ihrer Tochter und ihren beiden Schwestern und befinde sich noch im Trauerprozess um ihren Mann.