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Totschlag-Verhandlung: Tränen vor Gericht

Der Angeklagte betritt den Gerichtssaal
 
Überrascht vom Antrag: Kai Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade

Verzögerter Auftakt des Sittensen-Prozesses am Landgericht Stade / Ist der 80-jährige Todesschütze verhandlungsfähig?

tp. Stade. Ist der Angeklagte* (80) verhandlungsfähig? Diese Frage beschäftigt in den kommenden Tagen einen psychiatrischen Gutachter in dem Prozess gegen einen Rentner (80) aus Sittensen, der im Dezember 2010 einen Jugendlichen (16) in den Rücken geschossen und dabei getötet hat. Zur Eröffnung des Verfahrens am Mittwochmorgen, 23. April, am Landgericht in Stade stellte der Rechtsanwalt des Angeklagten den Antrag auf Aussetzung der Hauptverhandlung vor der 2. Großen Strafkammer, noch bevor die Anklage verlesen wurde.

Der Verteidiger begründete den Schritt mit dem nach seinen Angaben und durch ein hausärztliches Attest belegten kritischen Gesundheitszustand seines Mandanten. Bereits während der Prozessvorbereitung sei der Angeklagte mehrfach in Tränen ausgebrochen. Der Anwalt berichtete von mehreren Weinkrämpfen. "Da geht nicht mehr so viel", so der Verteidiger. Auch im Stader Gerichtssaal weinte der Angeklagte, der seinen Blick immer wieder betrübt zu Boden richtete und auch körperlich angeschlagen wirkte. Der Senior ist auf eine Gehhilfe angewiesen.

Nach einem halbstündigen Gespräch am Vormittag konnte der psychiatrische Gutachter Dr. Harald Schmidt keine abschließende Einschätzung über die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten geben. Der vorsitzende Richter gab dem Psychiater bis kommenden Montag Zeit für ein gründliches Gutachten.

Wie das WOCHENBLATT mehrfach berichtete, wurde der als wohlhabend geltende Rentner im Winter 2010 von fünf jungen Tätern in seinem Wohnhaus in Sittensen überfallen und um Geld und eine Uhr beraubt. Als die Alarmanlage ausgelöst wurde, flüchteten die Angreifer. Der Angeklagte, ein Jäger, schoss mit seiner Waffe hinterher und traf den 16-jährigen Jungen, der seinen Verletzungen erlag.

Das Stader Gericht soll nun klären, ob der Rentner aus Notwehr gehandelt hat, wovon die Staatsanwaltschaft anfangs ausging. Nach Beschwerden der Eltern hatte das Oberlandesgericht Celle entschieden, dass das Gericht in Stade den Fall in einem öffentlichen Prozess behandelt, für den zehn Verhandlungstage angesetzt sind.

Unterdessen zeigt sich Kai Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, überrascht von dem Antrag auf Aussetzung des Verfahrens: Die Verteidiger hätten das Gericht doch schon früher über den Gesundheitszustand des Angeklagten unterrichten können, so Breas.

Gerichtssprecherin Petra Baars hält den Antrag für "echt". Auf Nachfrage der vielen Journalisten, die den Prozessauftakt verfolgten, sagte sie, sie gehe nicht davon aus, dass es sich um einen taktischen Schachzug der Verteidigung handele.

Ein Nebenkläger-Verteidiger gab zu bedenken, dass der Angeklagte nach Mandanten-Angaben noch vor wenigen Wochen längere Autofahrten unternommen und körperlich anstrengende Tätigkeiten wie Rasenmähen verrichtet haben soll.

Im Flur des Stader Landgerichts diskutierten kritische Prozessbeobachter die über dem Fall schwebende Frage: Schützen Alter und Gebrechlichkeit vor Strafe?

• Das Verfahren wird voraussichtlich am Mittwoch, 30. April, um 9.15 Uhr, fortgesetzt - möglicherweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

*Name der Redaktion bekannt