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"Und am nächsten Morgen sind sie lammfromm"

Fabian Harms (li.) und Ralf Michaelis zeigen WOCHENBLATT-Redakteurin Aenne Templin die Wache in Stade
 
Ralf Hildebrandt hat in dieser Nacht Dienst in der Wache.
Randalierer, Betrunkene und zerstrittene Eheleute: WOCHENBLATT-Redakteurin Aenne Templin fährt eine Nacht auf Streife mit der Polizei

at. Stade. In der Zelle wird es hell, als der Polizeibeamte den Lichtschalter drückt und durch das Fenster in der Tür blickt. Auf dem Boden liegt ein Mann auf einer Matratze. Er schläft in T-Shirt und Unterhose. Das grelle Licht, das von den weißen Wänden und Fliesen zurückgeworfen wird, weckt ihn nicht. Zehn Beamte waren vor zwei Stunden nötig, um den Betrunkenen, der sich heftig wehrte, in die Wache zu tragen. Jetzt ist er friedlich, die Aggression ist verflogen.
"So ist das immer", sagt Polizeihauptkommissar Ralf Hildebrandt (48). "Am Morgen sind viele Betrunkene wieder lammfromm und können sich an nichts erinnern." Hildebrandt ist in dieser Nacht Schichtdienstleiter bei der Polizei Stade. Seine Kollegen Hauptkommissar Ralf Michaelis (50) und Hauptkommissar Fabian Harms (24) nehmen mich heute mit auf Streife.
Der Dienst beginnt mit einer Übergabe. Die Kollegen der Nachtschicht informieren sich über die wichtigsten Ereignisse des Tages. Anschließend rüsten sich die Beamten mit Funkgerät und Taschenlampe für den Dienst aus.
Ralf Michaelis und Fabian Harms nehmen heute Nacht das Zivilfahrzeug. "Unser Dienstwagen ist schon bei manchen Kriminellen der Stadt bekannt", sagt Michaelis.
Gegen 21 Uhr geht es los. Ralf Michaelis ist seit 25 Jahren Polizist. Fabian Harms hat sein Studium an der Akademie vor kurzem beendet und arbeitet erst seit dem 1. Oktober in der Wache in Stade. Beide sind zum ersten Mal gemeinsam auf Streife.
Wir fahren wir aus der Stadt Richtung Altes Land. Uns kommt ein weißer Kleintransporter entgegen. Den Polizisten ist er verdächtig. Sie bremsen, stoppen den Wagen und reißen die Türen auf. Die Personalien des Fahrer und Beifahresr werden überprüft. Die Männer sind der Polizei bekannt und vorbestraft. Offene Haftbefehle oder andere Vergehen liegen aber nicht vor. Der Führerschein ist gültig. Die Männer können weiterfahren.
Ich möchte wissen: Haben Polizisten eigentlich Angst bei ihrer Arbeit? "Nein", sagt Fabian Harms. "Es ist mehr Respekt." Man müsse stets wachsam sein und die Menschen beobachten. Das Bauchgefühl könne da oft Leben retten.
Manchmal hilft aber auch das nicht. Eine Kollegin sei erst in der Nacht zuvor von einem Drogenabhängigen in den Arm gebissen worden. Der Mann hat Hepatitis. Die Beamtin muss nun mehrere Wochen warten, bis sie weiß, ob sie sich infiziert hat. Gewalt gegen die Beamten gehört zum Alltag dazu. Auch in dieser Nacht. Michaelis und Harms werden in den Morgenstunden noch eine Anzeige gegen einen Mann schreiben, der sie übelst beschimpft hat.
Zurück auf der Streiffahrt: In Stade halten wir einen jungen Mann in seinem Polo an. Er stammt aus Saudi Arabien. Als die Beamten seinen Führerschein überprüfen, stellt sich heraus, dass dieser ungültig ist. Michaelis und Harms nehmen das Dokument mit auf die Wache zur weiteren Überprüfung. Der Mann muss zu Fuß nach Hause gehen.
Während die Beamten den Führerschein genau unter die Lupe nehmen, dringt lautes Poltern aus dem Zellentrakt. Der junge Mann in seiner Zelle randaliert und schlägt mit den Fäusten gegen die Wände. Damit der Mann sich nichts antut, schauen die Beamten mehrfach in der Stunde nach ihm. "Wir sind verantwortlich für diese Menschen, solange sie in unserem Gewahrsam sind", sagt Michaelis. Die Krankenhäuser winken oft ab, wenn die Polizisten einen Betrunkenen bringen. Man könne sich nicht um die Person kümmern, es gebe zu wenig Personal, heißt es da. Das ist frustrierend für die Polizisten.
Häufig werden die Beamten auch als Streitschlichter gebraucht, bei Ruhestörungen oder Ehestreitigkeiten. Oder als Seelentröster: Um drei Uhr nachts klingelt das Telefon auf der Wache, Hildebrandt telefoniert mit einer betrunkenen Frau. Sie weint, weil sie ihre Jacke verloren hat. Der Polizist beruhigt sie. "Auch das gehört zu unserer Arbeit." Es sind eben nicht immer nur Verfolgungsjagden mit Verbrechern.
Ralf Michaelis und Fabian Harms werden in dieser Nacht noch zu zwei Einsätzen gerufen: einem Autounfall und einer Schlägerei.
Warum sind Michaelis und Harms eigentlich Polizisten geworden? "Kindheitserinnerungen", sagt Michaelis. Er habe als kleiner Junge einen Polizisten auf einem Motorrad gesehen, das habe ihn schwer beeindruckt. "Allerdings hat es mit dem Motorrad nicht geklappt", fügt er schmunzelnd hinzu. "Es hört sich klischeehaft an, aber ich möchte den Menschen helfen - und wenn sie mich nur nach dem Weg fragen", sagt Fabian Harms. Das gilt auch für den Mann in der Zelle. Harms sieht in der Nacht regelmäßig nach ihm. Dabei muss er aufpassen, dass er nicht in die Pfütze aus Urin tritt, die langsam unter der Tür durchfließt. Der Betrunkene zahlt für die Nacht 75 Euro - Reinigung inklusive.