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"Völlige Neubewertung der Spielsucht"

Jens L. mit seinen Rechtsanwälten Frank Jansen (re.) und Artak Gaspar (li.)
 
Jens L.: "Meine psychische und körperliche Situation hat sich verschärft"

Prozess gegen Zocker-Banker: Anwalt will neues Gutachten ins Spiel bringen / Ex-Filialleiter sagt als Zeuge aus

tp. Stade. Der "Zocker"-Prozess gegen den Ex-Banker der Filiale der Deutschen Bank in Buxtehude, Jens L.* (40) aus Stade, wird am Montag, 30. Juni, um 9.15 Uhr am Stader Landgericht fortgesetzt. Die öffentliche Verhandlung könnte spannend werden. Jens L.s Rechtsanwälte Frank Jansen und Artak Gaspar wollen einen forensisch-psychiatrischen Gutachter als Zeugen benennen. Zudem steht Jens L.s früherer Vorgesetzter, der inzwischen an einen anderen Posten versetzte Ex-Filialleiter der Deutschen Bank, Thorsten M., im Zeugenstand.

Wie berichtet, soll Jens L. als kleiner Bankangestellter zwischen 2007 und 2010 mehr als acht Millionen Euro Kundengelder veruntreut und im Internet sowie im Hamburger Spielcasino verzockt haben. In der Sache stehen sich zwei widersprechende Gutachten gegenüber. Der vom Angeklagten beauftragte Therapeut Dr. Marcus Wawerzonnek attestiert dem Beschuldigten ausgeprägte Spielsucht, die zur Schuldunfähigkeit führen könnte. Auch der amtliche, vom Gericht bestellte Gutachter, Psychiater Dr. Harald Schmidt, attestiert Jens L. Spielsucht, geht jedoch von dessen Schuldfähigkeit aus. Jens L. drohen mehrere Jahre Gefängnis.

Rechtsanwalt Jansen meint: "Dr. Schmidt hat meinen Mandanten unzutreffend psyschiatrisch etikettiert und ihm nicht einmal verminderte Schuldunfähigkeit attestiert." Daher habe sich die Verteidigung schließlich gezwungen gesehen, ein neues Gutachten in Auftrag zu geben. Die Expertise, die "psychiatrisch qualifiziert Auskunft zur Schuldunfähigkeit gibt", will der Anwalt in Form einer Aussage des neu zu benennenden Zeugen aufs Tapet bringen. "Das Gutachten könnte zu einer völligen Neubewertung der Spielsucht meines Mandanten führen." Den Namen des Zeugen will Jansen erst am Montag nennen.

Jens L.s Ex-Chef Thorsten M. sagte bereits in der vergangenen Sitzung als Zeuge aus. Er gab an, im April 2011 im Auto des Angeklagten, das unverschlossen auf einem Parkplatz nahe des Geldinstituts gestanden habe, Bankunterlagen gefunden zu haben. Die Papiere könnten als Beweismaterial dienen. Jens L.s Anwalt spricht von "fragwürdiger Beweiserlangung". Denn: Mehrere Wochen zuvor habe die Polizei im Beisein des damaligen Anwalts des Angeklagten den Pkw durchsucht und verfahrensrelevante Gegenständen beschlagnahmt, so Jansen. "Danach wurde das Auto verschlossen. Die Schlüssel wurden dem Anwalt übergeben."

Unterdessen klagt Jens L. über zunehmende gesundheitliche Beschwerden aufgrund der Belastung durch den Prozess: "Meine psychische und körperliche Situation hat sich nachhaltig verschärft." Wiederholt litt der schwergewichtige Jens L. unter stark erhöhtem Blutdruck mit einem Wert um 180. An den Verhandlungen, die inzwischen auf maximal jeweils drei Stunden reduziert wurden, sind zwei Rettungssanitäter und ein Arzt anwesend. Der zweifache Vater Jens L., der inzwischen als Rettungssanitäter arbeitet, ist nach eigenen Angaben häufig krankgeschrieben.

*Name von der Redaktion gekürzt