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Aufgewacht im Hundekot: Die Geschichte eines Heroinabhängigen

Wer einmal heroinabhängig war, leidet meist ein Leben lang unter den Folgen (Foto: Fotolia: Kenishirotie)
lt. Stade. In Deutschland sind ca. 150.000 Menschen heroinabhängig. Rund die Hälfte von ihnen wird mit Ersatz-Medikamenten behandelt, um dauerhaft von der Droge loszukommen. Einer von ihnen ist Alex* (55) aus Stade. Seit knapp 15 Jahren wird er substituiert und ist seitdem nicht mehr rückfällig geworden.
"Meinen Tiefpunkt hatte ich in den 1990er Jahren, als ich - obdachlos und mit einem verletzten Bein - hochgradig auf Entzug durch Hamburg torkelte und an der Alster in einem Haufen Hundekot aufwachte", sagt Alex.
Das erste Mal mit Drogen in Kontakt kam er mit 14 Jahren. Er rauchte Cannabis und zog mit seiner Clique um die Häuser. Rückblickend sagt Alex, dass er damals wohl versuchte, der emotionalen Kälte und dem enormen Leistungsdruck zu entfliehen, die in seinem Elternhaus herrschten. Der Vater war Soldat und Alkoholiker, dennoch hätten er und seine zwei jüngeren Brüder keine schlechte Kindheit gehabt, sagt Alex.
Er war ein intelligentes Kind, schmiss die Schule nach dem Fachabi aber hin. Mit 20 zog er aus, stolperte von WG zu WG und ließ sich einfach treiben. Durch sein großes Hobby Kampfsport bekam er früh Gelenkprobleme, seine Gelenkarthrose begleitet ihn bis heute.
Als Alex Mitte 20 war, schlug das Schicksal hart zu. Der junge Mann litt an starken Gelenkschmerzen und nur acht Wochen nach der Geburt starb sein zweites Kind am plötzlichen Kindstot. Mit seiner damaligen Freundin hatte er bereits einen Sohn.
Zu der Zeit schnupfte er seine erste Nase Heroin in einer Szenekneipe in Stade. „Alle meine Schmerzen waren verschwunden, in meinem Magen ging eine Sonne auf“, beschreibt Alex das Gefühl des High-Seins.
Einige Jahre schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, doch die Sucht wurde bald immer stärker. Die Beziehung scheiterte, auch der Kontakt zum erstgeborenen Sohn brach ab. Alex brach in Häuser ein, um sich Geld für Drogen zu beschaffen. Dreimal saß er deswegen im Gefängnis, rund 30 Entzüge machte er durch sowie drei Langzeittherapien. Dennoch wurde er immer wieder rückfällig – vor allem, weil ihm ein stabiles soziales Netz fehlte, glaubt Alex. Einzig seine Mutter habe immer zu ihm gehalten.
Die Wende kam mit den ersten eigenen vier Wänden vor 18 Jahren. Damals zog er in eine Sozialwohnung der Wohnstätte Stade, in der er bis heute lebt und begann kurz darauf mit der Substitutionsbehandlung. Zunächst bekam er Methadon. Inzwischen nimmt er dreimal täglich eine kleine Dosis Subutex – ein Betäubungsmittel ohne Rauschwirkung. Ein Leben ohne Medikamente wird Alex aber nie führen können, sein Nervensystem sei durch den jahrelangen Drogenkonsum zu stark geschädigt.
„Ich hoffe, dass ich in meinen letzten Lebensjahren ein moderates Leben führen kann“, sagt Alex, der vor einigen Jahren auch seine Hepatitis C-Erkrankung mit Hilfe einer Therapie besiegte. Bis vor sechs Monaten arbeitete er als 1-Euro-Jobber im Schwedenspeicher-Museum in Stade, viel mehr werde wohl beruflich nicht mehr kommen.
"Es ist schwer, wieder Fuß in der Gesellschaft zu fassen", sagt Alex. Neue Freunde findet er kaum. Menschen wie er würden lebenslang von der Gesellschaft geächtet und in eine Schublade gesteckt, sagt er. Von seinen alten Freunden sind viele inzwischen tot. Und eine Party, zu der kürzlich eingeladen wurde, verließ er nach einigen Stunden desillusioniert und deprimiert wieder – nachdem das Koks ausgepackt wurde.
* Name von der Redaktion geändert

Mehr über eine Ärztin, die in Stade eine Substitutionspraxis betreibt