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"Bleibt nicht bei den Russen..."

Kurt Schütz und seine Frau Helga leben heute in Stade-Wiepenkathen. Zusammen haben sie zwei erwachsene Kinder
bc. Stade. Was Kurt Schütz (78) im zarten Alter von acht Jahren erlebte, hat sich für immer und ewig in seiner Erinnerung eingebrannt. Mit der Mutter und drei Brüdern floh er 1945 aus seiner Heimat in Pommern. Zu Fuß, per Lkw, auf dem Schiff und im Zug. Viele, viele Hundert Kilometer weit. Horst, sein zwei Jahre alter Bruder, kam dabei ums Leben. „Ich erinnere mich an die Flucht, als ob es gestern gewesen wäre“, sagt Kurt Schütz im WOCHENBLATT-Gespräch. In drei Teilen erzählen wir seine Geschichte von der Flucht und das Leben danach im Barackenlager in Stade-Hahle.

• 9. März 1945: Es friert. Schneeflocken tanzen im eisigen Wind. Kurts Mutter Gertrud kommt vollbepackt zurück vom Einkaufen. Aufgeregt ruft sie ihren Kindern zu: „Die Kaufhäuser verschenken ihre Waren.“ Ein Postbote hastet mit seinem Drahtesel die Straße entlang, schreit lauthals: „Der Russe steht kurz vor Lauenburg. Bis 15 Uhr müsst ihr eure Häuser verlassen haben. Danach seid ihr vogelfrei.“

Der Schreck fährt allen in die Glieder. Schnell graben Kurt und seine Brüder ein Loch im Schuppen, verstecken dort Wertsachen. „Leicht wollten wir es den Russen nicht machen. Wir wussten ja, dass alles geplündert wird“, schildert Kurt Schütz.

Sein Vater, der zu dem Zeitpunkt als Soldat im Krieg in Russland war, hatte immer gesagt: „Wenn ihr mal fliehen müsst, geht wohin ihr wollt, aber bleibt nicht bei den Russen.“ Also machen sie sich auf. Mutter Gertrud flieht mit den vier Kindern Heinz (10), Kurt (8), Paul (5) und Horst (2). Auf einem Schlitten befestigen sie ein Federbett, auf dem Paul liegen kann, da er sich vor Kurzem ein Bein gebrochen hatte.

Im Nachbarort angekommen, sehen sie bereits die mit Flüchtenden hoffnungslos überfüllten Lkw der Wehrmacht. Sie quetschen sich zwischen die vielen wie sie verängstigten Menschen auf einen nicht überdachten Anhänger. Alle wollen in den Westen. Für 25 Kilometer braucht die Kolonne bei Schnee und Eis vier Stunden. „Wir waren vollkommen durchgefroren“, sagt Kurt Schütz. Angekommen in Gotenhafen, dem heutigen Gdynia, findet die Familie Unterschlupf auf einem Spitzboden, wo auch Soldaten schlafen. In Gotenhafen wollen sie einen Platz auf einem Schiff ergattern. Tage vergehen. Stündlich spitzt sich die Lage zu, immer häufiger greifen russische Bomber an. Oft sitzen sie stundenlang im Luftschutzkeller.

Horst ist mittlerweile schwer erkältet, Medikamente gibt es nicht. Am 16. März bekommt der Zweijährige hohes Fieber und starke Hustenanfälle. „In ihrer Verzweiflung sagte meine Mutter: Lieber Gott, lass ihn sich nicht länger quälen, wenn du meinst, seine Zeit ist gekommen, erlöse ihn und nimm ihn zu dir“, erinnert sich Kurt Schütz. Im gleichen Augenblick öffnet Horst zum letzten Mal seine Augen, seufzt und schließt sie danach für immer.

Wie sollte es weitergehen? Ein Sarg ist nicht so leicht aufzutreiben. Im Schutz der Dunkelheit verlässt Gertrud Schütz ihre Unterkunft, um sich bei einem der letzten Tischler im Ort einen Sarg bauen zu lassen.

Der evangelische Friedhof ist bereits von den Russen besetzt, es bleibt der katholische, um Horst die letzte Ruhe zu geben. Die Mutter gräbt ein Grab im gefrorenen Boden für ihr verstorbenes Kind. „Was unsere Mutter damals alles ertragen und geleistet hat, ist unvorstellbar“, sagt Kurt Schütz.

Und die Tortur ist noch lange nicht vorbei.

• In der kommenden Ausgabe: Die dramatische Überfahrt mit der „Waldenfels“.

• Das WOCHENBLATT sucht weitere Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen bei Kriegsende 1945 berichten möchten: Tel. 04141-409526.