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Blick über die Trecker-Haube

Johann Knabbe bei der Feldarbeit Fotos: tp
 
Feierabendverkehr in Stade-Wiepenkathen aus der Warte des Treckerfahrers

Erntestress und dunkler Herbst: Bauern und Pendler im Konflikt um den engen Straßenraum / Tour mit Kreislandwirt Johann Knabbe

(tp). Die Kartoffel- und Maisernte läuft auf Hochtouren. Auf den Straßenwird es eng: Wie in jedem Herbst konkurrieren Pendler mit Bauern, die mit ihren schweren und langsamen Treckergespannen und sonstigen Erntemaschinen unterwegs sind, um den Verkehrsraum. Jahreszeitlich bedingte Dunkelheit und schlechtes Wetter trüben die Sicht.

Gegen Landwirte häufen sich die Beschwerden. WOCHENBLATT-Leser Alexander Stutz aus dem Dorf Heinbockel nahe der viel befahrenen B74 kritisiert die angebliche Nachlässigkeit vieler Treckerfahrer, die nach seinen Beobachtungen größtenteils ohne funktionierende Beleuchtung fahren und dadurch riskante Verkehrssituationen verursachen. Das WOCHENBLATT steigt mit dem Stader Kreis-Landwirt Johann Knabbe "auf den Bock".

Auf einer Tour vom Acker durch die Ortschaft Wiepenkathen über die Bundesstraße bietet sich vom Führerhaus der sechs Tonnen schweren Zugmaschine eine ungewohnte Perspektive auf Autodächer, Kinderköpfe - und auf Autoschlangen im Rückspiegel.

Mit bis zu 40 Tonnen Gewicht, drei Metern Breite und bis zu 18 Meter Länge sind sie echte Platzfresser im Verkehr: Treckergespanne. Jetzt, zur Erntezeit, drängen die langsamen Agrar-Geschütze von der Feldarbeit auf den Äckern zuhauf auf öffentliche Straßen, wo es zu Nutzungskonflikten mit anderen Verkehrsteilnehmern kommt - und aufgrund schlechter Sicht im Herbst zu riskanten Situationen, erst recht, wenn Blinker und Scheinwerfer verschmutzt sind. WOCHENBLATT-Leser Alexander Stutz aus Heinbockel beobachtet das Geschehen mit Skepsis: "Ich warte auf den Tag, an dem ein typischer Raser - oder auch ein besonnener Fahrer - in einen abbiegenden Traktor fährt." Der Stader Kreis-Landwirt Johann Knabbe nimmt den Großteil seine Berufsgenossen in Schutz und lädt zum Alternativ-Blick "über die Traktor-Haube" ein.

Die WOCHENBLATT-Test-Tour führt von einem Acker zwischen Stade und Knabbes Hof in Fredenbeck durch Wiepenkathen. Knabbe klappt am Feldrand den sogenannten Grubber, ein Gerät zur Bodenbearbeitung, auf die zulässige Breite ein und kontrolliert Blinker und Rücklichter, die auf einem rot-weißen Reflektorfeld montiert sind. Lob gibt es dafür von dem ADAC-Pressesprecher Weser-Ems, Nils Linge. Er appelliert an die Landwirte in den Kreisen Stade und Harburg, sämtliche zulässigen Mittel zu nutzen, die Treckergespanne in der dunklen Jahreszeit für Autofahrer deutlicher sichtbar machen. Johann Knabbe steuert über einen schmalen Wirtschaftsweg in ein Wohnviertel. Vom hohen Führerhaus hat er Sicht auf die Dächer parkender Autos, die ihm stellenweise nur eine Handbreit Platz lassen. Um ihn herum nur schwächere Verkehrsteilnehmer: eine Spaziergängerin mit Hund, Kinder, die unsicher mit dem Fahrrad zwischen Radweg und Fahrbahn hin und her schlenkern.

Im Feierabend-Verkehr geht es über die Alte Dorfstraße an die Bundesstraßenkreuzung. Beim Abbiegen schaut Knabbe über die Schulter auf den nachfolgenden Verkehr, denn sein Fahrzeug schert weit aus. Auf der B74, wo er auf das erlaubte Höchsttempo 40 beschleunigt, ist sein Schlepper die "Schnecke" unter den Verkehrsteilnehmern. Pkw schießen mit 100 km/h an ihm vorbei. Knabbe schaut mit kritischem Blick in den Rückspiegel. Hinter ihm staut sich der Verkehr, weil sich ein ängstlicher Autofahrer nicht traut, zu überholen. Die wachsende Autoschlange versperrt die Sicht auf den Trecker. Das kann gefährlich werden, wenn aus hinterer Reihe ein Pkw ein Überholmanöver startet. "Beim Linksabbiegen bekomme ich regelmäßig Schweißausbrüche", sagt Knabbe.

Auf längeren Fahrten fährt er rechts ran, um die Auto-Kolonne passieren zu lassen, auch wenn er zur Ernte wertvolle Zeit verliert. In der anspruchsvollen Ausbildung für die Trecker-Führerscheinklasse T werden Rücksichtnahme und defensives Fahren geschult. "Richtig so," meint Knabbe: "Machtkämpfe brauchen wir nicht, und bei Unfällen gibt es ohnehin keine Sieger."