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Der Gehstock lehnt an der Wand

Tasten, sehen, hören: Jutta Holst verteilt bunte Tücher an Gerhard Langner und Paul Dubielzig (re.). Gleich beginnt die Sitzgymnastik mit Musik
 
"Den Fuß schön hoch": Jutta Holst gibt Instruktionen

Mehr Zeit für die vielen Alten: "Hocker-Gymnastik" weckt Erinnerungen und ein Lächeln

tp. Stade. Aus dem CD-Spieler tönt ein feierlicher Marsch, Füße in dicken Strümpfen und Sommersandalen heben sich im Takt, knorrige Hände lassen bunte Tüll-Tücher durch die Luft kreisen: Wir sind bei der "Hocker-Gymnastik" im "Haus Rückblick", einer privaten Stundenbetreuung für Senioren in Stade - und mittendrin im demografischen Wandel.

Viele Alte, wenige Junge: Die Bevölkerungszusammensetzung in Deutschland hat sich verändert. Und die Wirtschaft zieht stetig nach: Handys mit großen Seniorentasten, daumendicke Mensch-Ärgere-dich-nicht-Figuren, Kreuzworträtsel mit XXL-Buchstaben oder die motorisierten Fahrräder "E-Bikes" gehören zu der immer breiter werdenden, auf die Generation "60 plus" zugeschnittene Produktpalette. Auch die Dienstleister reagieren mit besonderen Angeboten auf die hohe Nachfrage nach sinnvoller Gestaltung der Freizeit der Alten, die oft vereinsamt in Single-Wohnungen leben.

Eine unter den Profis ist Jutta Holst (46), Einrichtungsleiterin des "Haus Rückblick" der privaten "Ambulanten Krankenpflege" in Stade. Sie beobachtet einen enorm steigenden Bedarf an sinnvollen Freizeitangeboten für ältere Menschen mit und ohne Körperbehinderung oder Demenz-Erkrankung. Die Rentenphase dauere heute nicht selten zwei bis drei Jahrzehnte. "Da kann die Zeit schon endlos lang werden", sagt Jutta Holst.

Abwechslung bietet unter anderem die Stuhlgymnastik im "Haus Rückblick". In dem gemütlichen Treffpunkt, einem Ex-Kaufmannsladen in einem Stader Nachkriegs-Wohngebiet, sitzen ein halbes Dutzend Rentner auf gepolsterten Stühlen in der Runde und horchen den freundlichen Anweisungen von Jutta Holst und ihrer Kollegin Irina Reiswich (45).

Die Gehhilfen lehnen verwaist an der Wand, denn bei den Übungen muss man die Hände frei haben: Die Teilnehmer klatschen, ballen Fäuste. Füße wippen, als würden sie eine Tret-Nähmaschine bedienen. Das weckt Erinnerungen bei Edna-Maria Mühlmann (86), deren Mutter leidenschaftlich gerne schneiderte.

Als Paul Dubielzig (88) sein Gymnastik-Tuch zu einem Knäuel formt und damit Kreise in die Luft malt, kommt ihm das Fensterputzen in den Sinn - eine Hausarbeit, die er früher oft seiner Frau abgenommen hat.

Nach der einstündigen Turnrunde haben die Senioren fast unbemerkt sämtliche Muskelgruppen gefordert - auch die Lachmuskeln. Alle strahlen zum Abschied.
In ihrer täglichen Arbeit mit alten Menschen, die vom Kochen und Musizieren über Ausflüge und Gesellschaftsspiele bis zum Gedächtnistraining reicht, hat Jutta Holst schon kleine Wunder erlebt: Ein älterer Russland-Deutscher, der zuvor fließend Deutsch sprach, fiel nach mehreren Schlaganfällen komplett in seine Muttersprache Russisch zurück. Seine Stammgruppe schrieb ihm in die Reha-Klinik einen Brief mit Genesungswünschen auf Deutsch. "Plötzlich war die deutsche Sprache wieder da", sagt Jutta Holst.

• Es gibt noch freie Plätze für eine Senioren-Tour mit dem Oste-Fahrgastschiff "Mocambo" am Samstag, 9. August. Tel. 04141 - 510102 (Jutta Holst).