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Die Arbeit im Veterinäramt: "Das Beste fürs Tier herausholen"

Inspektion des Pferdegebisses und der Mundschleimhaut
 
Pferdefreundin Femke Borgmann (re.) hat ihren Wallach "Borago" nach Österreich verkauft. Bevor Amtsveterinärin Gudrun Scheiko die Transportpapiere ausstellt, wird das Pferd gesundheitlich begutachtet

Zwischen Massenhaltung und Tierliebe: Dr. Gudrun Scheiko ist Amtsveterinärin beim Landkreis Stade

tp. Stade. Lebensmittel-Kontrolleur, Straßenmeister, Archäologe: Beim Landkreis Stade arbeiten ca. 800 Menschen, bei weitem nicht alle im Büro. Das WOCHENBLATT stellt im Rahmen der Serie „Jenseits der Akten“ diverse Berufe vor. Heute: Amtsveterinärin.

Mit filmreifem Hufgeklapper schreitet Wallach "Borago" (8) das Pflaster neben dem Pferdestall in Ohrensen ab. Mit kritischem Blick beäugt Tierärztin Dr. Gudrun Scheiko (32) den hochgewachsenen und muskulösen Hannoveraner, der eine lange Reise von der Stader Geest in österreichischen Alpen vor sich hat. Für den Transport ins europäische Nachbarland braucht "Boragos" Besitzerin Femke Borgmann eine entsprechende Genehmigung des Kreis-Veterinäramtes. Dr. Gudrun Scheiko, die Tiermedizin in Hannover studierte und einige Jahre Berufserfahrung in einer privaten tierärztlichen Gemeinschaftspraxis sammelte, soll das Dressurpferd per Dokument identifizieren sowie für gesund und transportfähig erklären.

Dazu nimmt sie zunächst den Gang und Erscheinungsbild genau ins Visier. Humpelt das Pferd oder geht es normal? Ist sein Fell glänzend oder stumpf? Hustet es? Hat es Pusteln? Tränen seine Augen? Sind die Schleimhäute trocken oder gereizt? Beim Blick ins Maul und in die Augen stellt die Amtsveterinärin keine gesundheitliche Auffälligkeiten und händigt die Transportgenehmigung aus. Für Femke Borgmann, die mit traurigem Blick zu "Borago" aufschaut, naht der schmerzliche Abschied von dem Wallach, den sie aus Zeitmangel an neue Hände geben musste. Dr. Gudrun Scheiko kann die emotionale Ergriffenheit nachvollziehen, sie ist selbst Pferdebesitzerin.

"Rund 40 Pferde verlassen jährlich den Landkreis Stade mit Attest ins Ausland", sagt Dr. Scheiko. Wird ein Pferd außerhalb Europas - in zum Beispiel in die USA - exportiert, sind weitere medizinische Schritte wie eine Blutuntersuchung oder Schleimhautabstriche nötig.

Per Handschlag verabschiedet sich Dr. Gudrun Scheiko von den Pferdeleuten im Reit- und Zuchtstall Martin Klintworth und setzt ihren schwarzen Audi Kombi in Richtung Nordkehdingen in Gang. Zuvor ein kurzer Anruf bei dem Wischhafener Hähnchenmäster: "In einer halben Stunde bin ich bei Ihnen."

Auf einer grünen Wiese zwischen Maisfeldern und Windrädern stehen drei riesige flache Ställe, in denen insgesamt rund 90.000 Hühner ihr kurzes Leben in Bodenhaltung verbringen. Nach der Mast benötigt der Bauer von behördlicher Seite eine Schlachtgenehmigung für mehr als 30.000 der nun ein Monate alten Tiere.

"Wertvoller Tierbestand" prangt auf Schildern an der Stalltür. Dr. Gudrun Scheiko streift einen Schutzoverall und wechselt die Schuhe, um dem Eintag von Krankheitserregern in den Stall zu vorzubeugen.

Einen ersten optischen Check der Herde unternimmt sie durch das Fenster zwischen Stall und Hygieneschleuse. Dass öffnet sie behutsam die Tür aus der neben lebhaftem Gackern und ein strenger Geflügelgeruch mit Ammoniak-Note dringt.

In gedämpftem Tageslicht stehen die mit jeweils knapp 1.500 Gramm Lebendgewicht nun schlachtreifen Hähnchen dicht an dicht unter langen Schienen mit Tränken. Langsam durchschreitet Dr. Gudrun Scheiko den Stall wirft dabei einen Generalblick auf den gesamten Tierbestand, begutachtet Körperbau, horcht auf Atemwegsgeräusche, schätzen den Anteil der einzelne schwächeren Tiere, der in der Massenhaltung unvermeidbar ist. Hinsichtlich der äußeren Haltungsbedingungen inspiziert die Tierärztin die Sauberkeit der Tränken, Futterbahnen und der Einstreu. Abschließend kontrollierte sie die Dokumentation der Mast durch den Landwirt. Der Hühnerhalter hat ordnungsgemäß gefüttert, geimpft und bei der Haltung das gesetzliche Maximum von 39 Kilo Tier je Quadratmeter nicht überschritten. Auf eine Vergabe von Antibiotika konnte in diesem Mastgang verzichtet werden. Mit ihrer Unterschrift besiegelt Gudrun Scheiko das Schicksal der Hähnchen, für die in spätestens drei Tage der Transport zu einem Schlachthof in Nienburg rollt.

Dr. Gudrun Scheiko weiß nur zu gut, dass Tierrechtler ein anderes Verständnis von artgerechter Haltung haben, kennt aber auch die tagtägliche Bemühungen der Landwirte: "Landwirtschaft kann dauerhaft nur mit gesunden Tieren bestehen." Ihren Part sieht sie darin, nach geltendem Gesetz "das Beste für das Tier herauszuholen".

Die Aufgaben der Stader Amtstierärzte sind vielfältig. Sie reichen von der Milch- und Lebensmittelkontrolle über Tierschutz bis zur Tierseuchenprävention. In der tierreichen, landwirtschaftlich geprägten Region zwischen Buxtehude und Balje ist kaum eine Tag wie ein anderer, so Gudrun Scheiko: "Das macht den Beruf so interessant."

570 Tierschutzkontrollen in einem Jahr

Im Veterinäramt des Landkreises Stade arbeiten sieben Verwaltungsmitarbeiterinnen, vier Lebensmittelkontrolleure und sechs Tierärzte.
Im Jahr 2014 wurden 38 Pferde für einen Transport abgefertigt und 545 Lebenduntersuchungen bei Schlachtgeflügel durchgeführt.
Es wurde 315 angezeigten Tierschutzfällen nachgegangen und insgesamt 570 Tierschutzkontrollen durchgeführt.
Bei 26 Tierschutzfällen wurden Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet oder Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.