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Die letzten ihrer Zunft: Nachwuchssorgen im Verein „Historische Druckwerkstatt Cicero“ in Stade

Harald Schulz (re.) an der Heidelberger-Druckmaschine und Vereinsvorsitzender Reinhard Bardoux (hi.)

Wer will Gutenbergs Technik erlernen?

tp. Stade.  Es riecht nach Druckerschwärze und Maschinenöl, Männer in langen Schürzen greifen mit spitzen Fingern in die Fächer der Setzkästen, aus denen sie blind die richtigen Buchstaben fischen, im Hintergrund rattert geschäftig eine Original Heidelberger Druckmaschine von 1950. In der historischen Druckwerkstatt „Cicero“ in Stade fühlen sich Reinhard Bardoux (68) und sein Kollege Harald Schulz (63) in ihrem Element. Die beiden Vollblut-Handwerker und Vorsitzenden des Vereins „Historische Druckwerkstatt Cicero“ gehören zu den Letzten ihrer Zunft, haben den Schriftsetzer-Beruf noch von der Pike auf gelernt.

Im Jahr 2014 übernahmen die Mitglieder des 15-köpfigen Vereins aus Beständen des Technik- und Verkehrsmuseums Stade nach dessen Schließung die komplette Druckwerkstatt mit Setzerei und zogen mit dem Inventar in den Keller der Integrierten Gesamtschule Stade (IGS). Dort wird nach der spätmittelalterlichen Technik Johannes Gutenbergs gesetzt und gedruckt. Im Rahmen besonderer Kurse lernen Schüler von erfahrenen Schriftsetzern und Druckern mit Handsatz-Schriften und Linolschnitt das Drucken mit alten Maschinen im Hochdruck-Verfahren.

Ursprünglich stand ein Teil der alten Druckerei in der Setzerei des Verlages Gruner+Jahr im Hamburger Pressehaus. Hier entstanden bis 1982 die Seiten der Zeitschriften Stern, Brigitte und Co. Dann hatte die Bleisatztechnik ausgedient und die Seiten wurden erst im Fotosatz und schließlich mit dem Computer produziert.

„In der historischen Druckwerkstatt möchten wir dem digitalen Trend etwas Handgemachtes entgegensetzen“, sagen Bardoux und Schulz. Im Mittelpunkt der Arbeit mit den Kindern steht das Erstellen und Verarbeiten eigener Texte und Bilder. Unter Anleitung können Schüler ihre kreativen Ideen mit Blei- und Holzbuchstaben sowie Linolschnitten aufs Papier bringen. Die Mädchen und Jungen haben Gedichte gegen Rassismus auf Büttenpapier, plattdeutsche Texte auf Papiertüten und weihnachtliche Motive auf Geschenkschachteln gedruckt. Im Luther-Jahr 2017 konnten Besucher unter Anleitung der „Cicero“-Mitglieder im Museum Schwedenspeicher in Stade Ablassbriefe drucken.

Noch stehen die Vereinsmitglieder mit ihrer Handwerkskunst mitten im Leben, doch allmählich plagen den Vorstand Zukunftssorgen: „Die meisten von uns sind über 60 Jahre alt. Bald gibt es niemanden mehr, der die Werkstatt in Betrieb hält“, befürchten Bardoux und Schulz. Mit dem altgedienten Setzer Klaus Natorp (73) gebe es beispielsweise nur noch einen im Verein, der den Zeilensatz an der Linotype-Zeilensetzmaschine meisterlich beherrsche.

• Neuzugänge, die drucken und setzen lernen wollen, sind im Verein herzlich willkommen. Info: ( 04141 - 83251.