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Ein "Feel-Good-Manager" für Vögel

Das Spektiv ist meistens mit dabei, wenn Dr. Uwe Andreas auf Beobachtungstour geht
 
Nonnengänse an der Unterelbe (Foto: Natureum)
(bc). Lebensmittel-Kontrolleur, Veterinär, Archäologe: Beim Landkreis Stade arbeiten rund 800 Menschen, entgegen landläufiger Meinung bei weitem nicht alle hinter dem Schreibtisch. Das WOCHENBLATT startet mit einer neuen Serie: „Jenseits der Akten“ - spannende Jobs in der Kreisverwaltung. Den Beginn machen wir mit Naturschutzwart Dr. Uwe Andreas.

Wer die frische Seeluft mag, die weite, flache Landschaft Kehdingens, der dürfte neidisch werden auf den 52-jährigen Familienvater aus Ritschermoor. Uwe Andreas ist seit 14 Jahren Naturschutzwart im Landkreis Stade. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Das WOCHENBLATT besuchte ihn bei der Arbeit.

Uwe Andreas‘ Büro hat keine Wände und keine Decke, es ist 13.000 Hektar groß und liegt direkt an der Unterelbe in einem Gürtel zwischen Barnkrug und der Oste-Mündung. Hier, im EU-Vogelschutzgebiet - eines der wichtigsten Brut- und Rastgebiete für Wiesen-, Wat- und Wasservögel - arbeitet der studierte Forstwissenschaftler und promovierte Wildbiologe.

Ausgerüstet mit Fernrohr (Spektiv) und Gummistiefeln beobachtet Uwe Andreas die Vogelfauna: Nonnengänse, Zwergschwäne, Uferschnepfen, Kiebitze und Rotschenkel. Drei Tage pro Woche ist er hier, zwei Tage verbringt er in seinem anderen Büro in der Kreisverwaltung in Stade, das mit Wänden und einer Decke.

Während der Hochbrutzeit steht Uwe Andreas noch vor der Sonne auf. Die Augen hellwach, die Ohren gespitzt. Er muss bei seinem Job genau hinsehen, genau hinhören. Alles wird dokumentiert. Zählen ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit. „Ich habe in 14 Jahren 250 Vogelarten festgestellt“, sagt Uwe Andreas nicht ohne Stolz. Die Bestände an der Unterelbe sind eine wichtige Kennziffer für die Wertbestimmung des Schutzgebietes. Regelmäßig verlangt die EU-Zentrale in Brüssel nach den Zahlen.

Auch wenn Brüssel gedanklich ganz nah ist, ist es physisch ein einsamer Job im Freiburger Außendeich. Sieht man mal von den 80.000 Nonnengänsen ab, die im Herbst aus der russischen Tundra zum Überwintern an die 6.000 Kilometer entfernte Elbe geflogen sind.

Abertausende sitzen heute hinterm Deich. Uwe Andreas wirft einen geschulten Blick auf die Feuchtwiese und sagt blitzschnell: „Das sind ca. 20.000 Gänse.“ Was für den Laien mehr wie eine grobe Schätzung wirkt, hat Hand und Fuß. In all den Jahren hat er sich eine spezielle Zähltechnik angeeignet, indem er die große Fläche in kleine Sektionen einteilt und die Zwischenergebnisse hochrechnet.

Bevor die Gänse im April zurück nach Sibirien fliegen, haben sie eine wichtige Aufgabe hier. Sie bereiten das Feld für die Brutvögel vor. Denn Nonnengänse schnattern nicht nur, sie halten auch die Wiese kurz. Gut für Kiebitze, die vorzugsweise im flachen Gras brüten.

Wenn man es einfach ausdrücken möchte, lässt sich sagen: Uwe Andreas‘ Job ist es, den Gast- und Brutvögeln ihren Aufenthalt an der Unterelbe so angenehm wie möglich zu machen. Neudeutsch wäre Uwe Andreas ein „Feel-Good-Manager“ für Vögel. Er sorgt für deren Wohlfühl-Atmosphäre, dafür, dass die Wiesen feucht genug sind, dass keine Bauarbeiten oder landwirtschaftliche Arbeiten den Bruterfolg gefährden.

Der Kontakt zu den Landwirten ist wichtig. Sie haben einen großen Teil der öffentlichen Flächen im Naturschutzgebiet gepachtet, unter hohen Auflagen, was die Düngung, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, den Auf- und Abtrieb des Viehs sowie den Zeitpunkt der Mahd angehen. „Meine Aufgabe ist es, die Pachtauflagen zu überprüfen“, erzählt Andreas, „ich kann jedoch je nach Witterung und Brutfortschritt die strengen Auflagen lockern.“ Ein genaues Bild des jährlichen Brutverlaufes sei dazu vonnöten.

Weiter geht es von Freiburg ins benachbarte Allwörden. Plötzlich stoppt er den Wagen, flüstert: „Da, sehen Sie! Ein Kampfläufer. Von denen gibt es hier nicht mehr viele.“ Genauer gesagt laut Statistik nur noch 400 rastende an der Unterelbe. Die Watvogelart hat sich als Brutvogel weitgehend aus Mitteleuropa zurückgezogen. Noch in den 1960er Jahren drehte der berühmte Tierfilmer Heinz Sielmann einen Film über Kampfläufer an der Unterelbe.

Diese kurze Episode zeigt: Ornithologen verspüren immer auch einen gewissen Ehrgeiz, der Erste zu sein: der Erste, der im Frühjahr ein Blaukehlchen balzen hört, der Erste, der die Bekassine sieht oder eine Rothalsgans unter Abertausenden Nonnengänsen entdeckt. „Das sind die persönlichen Highlights meines Berufs“, verrät Uwe Andreas.

Die Bruterfolgskontrolle gehört mehr in die Kategorie wichtige Routinearbeit: In Allwörden spürt Uwe Andreas ein Kiebitznest mit vier Eiern auf. Er markiert es mit einem Stock, misst es per GPS-Gerät metergenau ein - stets um Rücksicht bemüht, um die Vogelfamilie nicht zu stören. „Es kann immer passieren, dass Raubsäuger Nester heimsuchen“, erklärt Uwe Andreas. Derzeit brüten ca. 400 Kiebitzpaare an der Unterelbe.

Wie steht ein Naturschutzwart eigentlich zur Elbvertiefung? „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, antwortet Uwe Andreas ehrlich. Der Grund ist klar: Hier im Schutzgebiet, wo er gerade steht, befindet sich eine Kompensationsfläche der letzten Elbvertiefung 1999. Uwe Andreas: „Ohne die Vertiefung würde es diesen Vogelbestand hier nicht geben.“

• Im nächsten Teil der Serie: die Straßenmeisterei.