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Eine Gabe und Geißel

Fiel durchs Raster der Leistungsgesellschaft: Thomas Meier leidet unter den Folgen von ADHS
 
Thomas Meier ist nach eigenen Angaben künstlerisch und kreativ begabt. Im Erwerbsleben tat er sich jedoch zeitlebens schwer

Leben mit Zappelphilipp-Syndrom: ADHS-Patient Thomas Meier ist mit 42 Jahren Rentner

tp. Wischhafen. Bei Menschenansammlungen gerät er aus der Spur, Maschinengeräusche wecken seinen Fluchtinstinkt, die Schule war für ihn ein Graus: Thomas Meier (42) aus Wischhafen leidet an der im Volksmund "Zappelphilipp-Syndrom" genannten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Aufgrund einer schweren Depression als Folgeerkrankung ist der ledige Fleischer Frührentner. Nun tritt Meier an die Öffentlichkeit, um für Verständnis für das weit verbreitete, nach seiner Erfahrung aber oft falsch beurteilte Leiden zu werben.

Wie bei fast allen Patienten, traten auch bei Thomas Meier die ersten ADHS-Anzeichen bereits im Kindesalter auf: Probleme mit der Aufmerksamkeit, Hyperaktivität im Wechsel mit Antriebsarmut an. Doch die Krankheit blieb unerkannt.

Thomas Meier, der als Einzelkind aufwuchs, empfindet starke Umweltreize seit jeher als "störend bis schmerzhaft". Er meidet Lärm und große Menschengruppen: "Ich ging nur mit Widerwillen in den Kindergarten und in die Schule", sagt er. Die auf Gemeinschaftssinn ausgerichtete Pädagogik der 1970er Jahre hat er als Extrembelastung in Erinnerung: "Der Gruppenzwang und die ständigen Kontaktspiele bereiteten mir Unbehagen", so Meier.

Außer Mathematik fand Thomas Meier nur Gefallen an künstlerischen Fächern. Er stach als guter Sänger hervor, lernte Bass und Schlagzeug. Die übrigen Schulfächer waren für ihn "ein Krampf". Im Unterricht war er ständig in Gedanken versunken. Seinen Bewegungsdrang lebte er nachmittags mit stundenlangem Fußballspiel aus.

Entgegen der Prognosen von Kinderärzten und -psychologen "Das wächst sich aus" - verstärkten sich bei Thomas Meier die Symptome mit den Jahren. Sein Verhalten schwankte zunehmend zwischen Hyperaktivität und Antriebsarmut.

Tatsächlich aber verfügt ADHS-Patient Thomas Meier nach eigenen Worten über eine besondere Gabe: "Ich kann komplexe Situationen rasend schnell durchblicken". Die Kehrseite der guten Auffassungsgabe sei jedoch eine schnelle Ermüdbarkeit. "Ich bin chronisch erschöpft, muss mich oft hinlegen." Freunde und Bekannte warfen dem Gegeißelten deshalb schon Faulheit vor.

Die Schule verließ Meier ohne Abschluss. Die Fleischer-Ausbildung gelang ihm nur mit Unterstützung eines geduldigen Lehrherren. Es folgte ein unstetes Berufsleben mit häufigem Wechsel des Wohnortes.

Seinen letzten Minijob in einer Bäckerei verlor er vor anderthalb Jahren nach einem Nervenzusammenbruch. Vor Beginn eines Arbeitstages erlitt er unvermittelt einen psychischen Kollaps. Seither bezieht er befristet eine schmale Erwerbsminderungsrente.

Nach den Niederlagen ist Thomas Meiers Selbstwertgefühl im Keller. Existenzangst verschlimmert den Gesundheitszustand des Depressiven. "Ich möchte eines Tages wieder arbeiten gehen, um meinen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten", sagt Meier. "Angesichts der immens ansteigenden Zahl psychischer Erkrankungen und wachsender Armut" fordert er zu einem Umdenken auf: Weg vom puren Leistungsgedanken, hin zu einer menschenwürdigen, sozialverträglichen Politik.

• Thomas Meier absolviert derzeit ein Verhaltenstraining, um mit den Symptomen der ADHS leben zu lernen.