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Gefährdete Patienten müssen nicht immer fixiert werden / In den Landkreisen Stade und Harburg setzt man auf den "Werdenfelser Weg"

Dr. Bettina Müller (v. li.), Richterin Nora Sielbeck, Richterin Ursula Moßig, Claudia Saur und Hans-Dieter Demmer (Leiter der Betreuungsstelle im Gesundheitsamt) sind Verfechter des Werdenfelser Weges (Foto: am)
 
Marion Dieckmann, Pflegedienstleitung beim Herbergsverein Tostedt, führt vor, wie sich die Senioren aus den Niederflurbetten abrollen (Foto: bim)
(am/bim). Wenn ein älterer Mensch beim Laufen stürzt oder beim Schlafen aus dem Bett fällt, kann es schnell zu Brüchen oder anderen Verletzungen kommen. Aus Sorge um die Patienten war es früher in Alten- und Pflegeheimen üblich, die Senioren zu fixieren oder ruhig zu stellen - mit Bauchgurten, Bettgittern oder Medikamenten. Viele Pflegeeinrichtungen und die zuständigen Richter in den Amtsgerichtsbezirken Buxtehude und Tostedt favorisieren den Werdenfelser Weg, einen alternativen Ansatz, der Fixierungen minimieren will und sich gegen das strikte Sicherheitsdenken wendet. Sie möchten ihn jetzt bei Angehörigen und Pflegeheimen noch populärer machen.

"Der Sturz gehört zum Leben", sagt Nora Sielbeck, Richterin beim Amtsgericht Buxtehude. Wenn ein Pflegeheim, ein gerichtlich bestellter Betreuer oder ein vom Patienten eingesetzter Bevollmächtigter einen Antrag auf eine sogenannte freiheitsentziehende Maßnahme (FEM) stellt, entscheiden die Gerichte, ob dieser laut Gesetz notwendig ist. "Das Problem ist, dass wir wenig Prüfungsmöglichkeiten haben", so Sielbeck. Ein ärztliches Attest und ein Besuch des Betroffenen sei wenig aussagekräftig.

Nach dem Werdenfelser Weg haben die Richter die Möglichkeit, einen sogenannten Verfahrenspfleger einzusetzen. Diese Pflegefachkraft mit einer speziellen Fortbildung soll im Sinne des Betroffenen eine Stellungnahme abgeben und beurteilen, ob es Alternativen zur Fixierung gibt. "Heutzutage stehen uns viele technische Hilfsmittel zur Verfügung", sagt die Verfahrenspflegerin Claudia Saur. Niederflurbetten werden nachts auf eine Höhe von 25 Zentimeter abgesenkt, sodass die Senioren nur hinausrollen und sich dabei nicht verletzen können. Es gibt geteilte Bettgitter, die den Schlafenden Sicherheit geben, sie aber nicht einsperren oder Klingelmatten, die das Personal alarmieren, wenn ein Bewohner nachts aufsteht.

"Man muss für die Menschen Lösungen suchen", sagt auch Peter Johannsen, Geschäftsführer des Herbergsvereins, Altenheim und Diakoniestation zu Tostedt. Dort sind ebenfalls im gesamten Haus Niederflurbetten, die auf 22 Zentimeter abgesenkt werden können. Bei manchen Senioren wird zusätzliche eine Matratze vor das Bett gelegt. Auch seien alle Betten mit hochziehbaren Brettern an den Seiten versehen, die bei Bedarf hochgestellt werden. "Für sturzgefährdete Herrschaften können wir auch Klingelmatten oder Bewegungsmelder einsetzen, die auf die Ruf-Anlage ein Signal senden, sobald derjenige aufsteht, sodass die Pflegekräfte zügig reagieren können", so Pflegedienstleitung Marion Dieckmann. Dennoch gibt es im Herbergsverein auch einen geschlossenen Bereich, in dem Menschen mit einem Unterbringungsbeschluss leben, so Johannsen. Dabei handelt es sich meist um Demenzkranke, die sogenannte Hinlauftendenzen haben und sich selbst gefährden. Insgesamt würden FEM aber bestmöglich vermieden.

"Ganz lassen sich Stürze nicht verhindern" sagt Dr. Bettina Müller, Geschäftsführerin der Altenpflege Landkreis Stade gGmbH. Eine Fixierung sei aber oft sogar kontraproduktiv. Die Betroffenen würden dabei ihren Gleichgewichtssinn und ihre Fähigkeit zum Gehen immer weiter verlieren. Sport sei eine gute Profilaxe.
Es habe bereits ein Umdenken stattgefunden, so Bettina Müller. "In den 1990ern hat man alles und jeden fixiert", sagt sie. Mit der Einführung des Werdenfelser Weges sind die Zahlen der richterlichen Genehmigungen zu diesen Maßnahmen nochmals zurückgegangen. Im Amtsgerichtsbezirk Buxtehude wurden im Jahre 2013 in 59 Fällen freiheitsentziehende Maßnahmen bewilligt, in 2014 noch 49 und nach der Einführung des Werdenfelser Weges im Jahre 2015 nur noch 14.
Auch im Amsgerichtsbezirk Tostedt sind die Zahlen rückläufig: 2014 waren es 232, im vergangenen Jahr 151 und in diesem Jahr bis jetzt 37.