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Gewalt gegen Kinder in der Öffentlichkeit: Kinderschutzbund Stade rät zur Zivilcourage

Johannes Schmidt (li.), Anke Drewes und Dr. Henning Kehrberg vom Kinderschutzbund unterstützen Zivilcourage
 
Anke Drewes, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Expertin für Systemische Beratung

Experten des Kinderschutzbundes unterstützen eine neue "Kultur des Einmischens" / Ziel: offizielle Zufluchtsräume in der Innenstadt

tp. Stade. Ein etwa siebenjähriges Mädchen tollt ausgelassen durch die Fußgängerzone in Stade, verlässt seinem Spieltrieb folgend die Gruppe. Ein Erwachsener, offenbar ihr Vater oder Großvater, hat etwas dagegen: Vor den Augen von Passanten traktiert der robuste Zweieinhalb-Zentner-Mann das ihm körperlich weit unterlegene Kind mit Tritten in die Fersen, packt es an den Schultern, drückt ihm sein Knie ins Kreuz, droht: "Du weißt, was gleich passiert!" So persönlich beobachtet vom Verfasser dieses Textes.

Wie Beobachter richtig auf Kindesmisshandlung im öffentlichen Raum reagieren, erklären drei im Kinderschutzbund engagierte Experten. Einer von ihnen ist der renommierte Diplom-Sozialpädagoge Johannes Schmidt (67) aus Hemmoor, Diplom-Sozialpädagoge und Landesvorsitzender des Kinderschutzbundes Niedersachsen, der in der geschilderten Szene klar eine Verletzung der im Grundgesetz verankerten Unantastbarkeit der Menschenwürde sieht. Schmidt, sowie die beiden im Kinderschutzbund Stade aktiven Ehrenamtlichen Anke Drewes (52) und Dr. Henning Kehrberg (74), die das WOCHENBLATT an einen Tisch holte, fordern eine neue "Kultur des Einmischens".

Kindesmisshandlung als gezielte gewaltsame körperliche oder seelische Schädigung durch Erwachsene gegenüber Minderjährigen findet nicht nur im Privaten statt. Auch auf offener Straße können aufmerksame Passanten solche Fälle beobachten. Zivilcourage kann zur Eskalation der Situation zu Lasten des Helfers oder des jungen Opfers führen, das später mit seinem Peiniger allein ist.

"Zeugen sollten trotzdem nicht wegschauen", darin sind sich Schmidt, Kehrberg und Drewes einig. Sie raten unisono zum behutsamen Einschreiten.

Nach Beobachtung der Experten sinkt die gesellschaftliche Toleranz gegenüber Gewalt, die Bereitschaft zum Einmischen bei Missständen steigt. Wenn der öffentliche Raum als Teil ihrer Lebensplattform leide, trauten sich Menschen inzwischen, Fehlverhalten zu bemängeln.

Zudem hätten sich Behörden und Kinderschützer von der alten Maxime "Hilfe statt Strafe" für die Täter verabschiedet, so Johannes Schmidt. "Denn dies hat zu keinem Rückgang der Gewalt geführt."

Wie man bei öffentlichen Übergriffen auf Kinder angemessen reagiert, weiß Anke Drewes. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie ist Spezialistin für systemische Beratung, die neben den gewalttätigen Erwachsenen und ihren Opfer die Wechselwirkungen mit deren Lebenssituation in Betracht zieht.

"Nehmen Sie Augenkontakt zu dem Kind auf, um Beistand zu signalisieren", rät Drewes. Dr. Kehrberg, ehemaliger Chefarzt der Stader Kinderklinik und örtlicher Kinderschutzbund-Vorsitzender, ergänzt: Mit einer "Prise Leichtigkeit" ließen sich eine Verstärkung der Konfrontation und eine Spaltung der Beteiligten in zwei Lager vermeiden. Fragen Sie lieber: "Kann ich Ihnen helfen?"

Die Fachleute empfehlen weiter, einem Täter selbst bei destruktivstem Verhalten eine gewisse "Wertschätzung" entgegenzubringen, um die Situation zu beruhigen. Dr. Kehrberg: "Wenn das alles nichts hilft, zögern Sie nicht, mit dem Handy die Polizei zu rufen."

Die Polizei im Landkreis Stade führt über Gewalt gegen Kinder keine Statistik, registriert nach Angaben ihres Pressesprechers Rainer Bohmbach in dieser Richtung "kaum Anzeigen". Einerseits wohl, weil die Opfer dies altersbedingt kaum können, andererseits, weil den erwachsenen Zeugen der Täter meistens unbekannt ist.

• Animiert durch die WOCHENBLATT-Berichterstattung plant Dr. Kehrberg - dem Vorbild der Städte Frankfurt und Salzgitter folgend - in Geschäften der Stader Innenstadt Zufluchtsräume für Kinder zu schaffen. Teilnehmende Inhaber sollen ihre Läden mit einem besonderen Symbol, etwa ein Haus mit lächelndem Gesicht und weißer Hand, kennzeichnen.

• Am Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes, Tel. 0800 - 111 0 333, erreichen Kinder und Jugendliche geschulte Berater, mit denen sie offen und anonym über Probleme sprechen können.