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Heroinabhängige am Rande der Gesellschaft

Dr. Gabriele Brockhausen (re.) behandelt in ihrer Praxis in Stade Heroin- und Opioidabhängige. Unterstützt wird sie von Ute Feldtmann, die sich um alles Bürokratische kümmert (Foto: lt)
lt. Stade. Abgemagert, dreckig, übel riechend, unberechenbar: solche Adjektive kommen den meisten Menschen unwillkürlich als erstes in den Sinn, wenn sie einen Drogenabhängigen beschreiben sollen. Dass insbesondere Heroinabhängige ihr Leben am untersten Rand der Gesellschaft fristen und als Patienten dritter Klasse selbst von vielen Ärzten bewusst gemieden werden, bestätigt Dr. Gabriele Brockhausen (63). Die Ärztin aus Stade führt seit fünf Jahren eine Substitutionspraxis, verschreibt also Substitutions- (sprich: Ersatz)-Medikamente an die Betroffenen.
"Drogensucht ist eine schwere chronische Erkrankung, die nicht einfach vom Himmel fällt", sagt Dr. Brockhausen. Ihr liegt viel daran, zu vermitteln, dass Drogenabhängige ganz individuelle Lebensläufe und teilweise Schlimmes erlebt haben, dass sie schließlich mit Hilfe der Drogen zu vergessen oder zu betäuben versuchen. Und dass es sich oft um Menschen handelt, die sehr feinfühlig und intelligent sind und die mit Hilfe der Ersatzmedikamente in der Lage sind, wieder in die Gesellschaft zurückzufinden.
Doch bis dahin ist es ein langer Weg. Viele Männer sind durch die Drogensucht kriminell geworden und haben Gefängnis-Aufenthalte hinter sich, viele Frauen sind in der Prostitution gelandet. Der Alltag dreht sich nur darum, Geld für die Droge zu beschaffen. Familie, Beruf, Obdach werden immer unwichtiger. Und so sind die Patienten, die zum ersten Mal in die Substitutionspraxis kommen, in der Regel ganz unten und sagen nicht selten: "Ich habe alles verloren und mein ganzes Leben kaputt gemacht".
Vor allem weil das "Straßenheroin" in der Regel stark verunreinigt ist, seien viele Betroffene krank. Etwa 70 Prozent derjenigen, die Heroin spritzen, leiden an Hepatitis C, so Dr. Brockhausen. Ebenfalls 70 Prozent haben zudem psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angstzustände oder ein Borderline-Syndrom.
Dr. Brockhausen arbeitet deshalb u.a. eng mit Psychiatern und Leberspezialisten zusammen. Auch zu Hausärzten pflegt sie Kontakt. Und erlebt dabei immer wieder, dass Substitutionspatienten dort nicht gern gesehen sind. Auch in der Psychiatrie in Stade werden Abhängige illegaler Drogen nicht behandelt.
Seitens vieler Ärzte gebe es Vorurteile gegenüber den Menschen, die angeblich nicht "wartezimmertauglich" seien, so Dr. Brockhausen. Sie werde deshalb immer wieder gefragt, warum sie sich "das antue".
Fest steht: Die Nachfrage ist groß: Die insgesamt 50 zur Verfügung stehenden Plätze in der Substitutionspraxis sind immer belegt, die Warteliste ist lang. Die Heroinabhängigen sind derzeit zwischen 18 und 72 Jahre alt und werden mit individuell abgestimmten Ersatzmedikamenten behandelt, die sie sich in der Regel einmal wöchentlich auf Rezept von Dr. Brockhausen in der Apotheke abholen. Zudem werden die Betroffenen durch Mitarbeiter der Suchtberatungsstellen betreut.
Ihre Patienten seien ausgesprochen freundlich, aufgeschlossen und sehr dankbar, sagt Dr. Brockhausen. Und ohne die Substitutionsbehandlung wären viele längst gestorben.

• In Deutschland gibt es ca. 150.000 Heroinabhängige, etwa die Hälfte von ihnen wird substituiert, also mit Ersatz-Medikamenten behandelt. Manche schaffen es mit immer geringer werdenden Dosen irgendwann wieder "clean" zu sein, andere sind lebenslang auf Medikamente angewiesen, um nicht wieder rückfällig zu werden.
Hilfe finden Drogenabhängige und deren Angehörige u.a. bei der Fachstelle für Sucht und Suchtprävention des Vereins für Sozialmedizin in Stade unter ( 04141 - 99930, bei der Suchthilfe der Diakonie in Buxtehude: ( 04161 - 644446, in Stade: ( 04141 - 411726, in Buchholz: ( 04181 - 4000 und Winsen: ( 04171 - 61721 sowie in der Ambulanz Süderelbe, Wallgraben 37, in Hamburg-Harburg, unter ( 040 60780054. Hilfe für Betroffene.

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