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"Mama" tritt vom Tresen ab

Auf einer Kneipenparty: Gastwirtin Irene Piotrowsky und ein gut gelaunter Gast (Foto: Piotrowsky privat)

In der Kellerkneipe "Bahnsteig 4" endet eine Ära: Wirtin Irene Piotrowsky (70) sucht Nachfolger mit Herz und Nerven

tp. Stade. "Wo sonst in der Stadt gibt's noch eine richtige Kneipe mit einer netten Wirtin, die morgens um zehn aufmacht, damit man gemütlich sein Bier trinken kann?" Mit seiner Frage bringt Stammgast Christian Stoller (50) wichtige Vorzüge des Lokals "Bahnsteig 4" an der Bahnhofstraße in Stade auf den Punkt. Jetzt endet eine Ära in der kultigen Kellerkneipe. Wirtin Irene Piotrowsky (70) hat zur letzten Lokalrunde geläutet. Nach einem Schlaganfall, den die Betreiberin im Januar erlitt, sucht sie einen Nachpächter.

Der Neue müsse Nerven wie Drahtseile und ein offenes Ohr haben - darin sind sich ihr Ehemann, Ex-Seemann Alfred Piotrowsky (78), und Tochter Birgit Mense (45) einig. Ihre Mutter sei für die Stammgäste Psychologin, Rechtsanwältin, Kummerkasten und Eheberaterin gewesen, sagt Birgit Mense. Seit die Mutter erkrankt ist, hilft sie ab und zu in der Bar aus, wo es nach Bier und Zigarettenrauch riecht, wo Menschen laut durcheinander reden, die Musikbox Schlager dudelt und sich im Halbdunkeln die Räder des Spielautomaten drehen.

In dem seit 1952 bestehenden Lokal führte Irene Piotrowsky seit 2000 Regie, teilte mit den Gästen Freund und Leid - Trauer, Scheidung und freudige Lebensereignisse. Eine Mitarbeiterin feierte auf den paar Quadratmetern Keller sogar ihre Hochzeit. An Heiligabend, ihrem Geburtstag, servierte Wirtin Piotrowsky zwischen HSV-Wimpeln, Brauereiplaketten und vergilbten Urlaubspostkarten mit Busenmotiven Kartoffelsalat mit Würstchen. "Die meisten Gäste nannten sie wegen ihrer mütterlichen Wesensart Mama", sagt Alfred Piotrowsky, der mit seiner Ehefrau fünf Kinder hat.

Einer, der über das Ende der Kneipenepoche trauert, ist Stammgast Rainer Lindhof (50). Der Arbeitslose Zimmermann aus Süddeutschland, den alle "den Bayer" nennen, mag das schlicht-nordische Flair in dem Kellerlokal. Anders als in seiner Heimat, wo alle "in Gruppen an Stammtischen zusammen hocken", fänden im "Bahnsteig 4" die Begegnungen am Tresen statt. Die Barhocker nah bei Irene waren heiß begehrt. "Bei ihr waren alle Gäste gleichermaßen willkommen", sagt Ehemann Alfred und ergänzt mit einem Brustton der Überzeugung: "Bei uns kommt jeder rein" und verweist auf stolz auf das breite Publikum "vom Penner bis zum pensionierten Richter".

Dank Irenes herzlichen Wesens kam es in den letzten Jahren nur noch selten zu Streit. Lediglich an den Wochenenden, wenn manch eine Partygesellschaft bis zum Morgengrauen Korn und Bier becherte, gerieten Streithähne in ein Handgemenge. Dann schritt Irenes inzwischen verstorbener Sohn Bernd (47†) ein. Vor dem groß gewachsenen Kampfsportler hatten alle Respekt. Und auch im "Bahnsteig 4" geht die Kneipentür nach außen auf.