Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

Nachtmahl am Mülleimer

Biologe Dr. Wolfgang Kurtze hat in einer Karte die Lebensräume der wild lebenden Tiere in Stade festgehalten (Foto: am / Archiv)
Tierischer Trend: Keiler und Co. suchen sich ihren Lebensraum in direkter Nachbarschaft des Menschen

(am). Was knabbert unbekümmert am Pizzarest? Was kratzt nachts auf dem Boden und fühlt sich offenbar auch zwischen Menschenmassen und Stadtlärm pudelwohl? Teils unbemerkt, teils mit großem Tamtam haben Wald- und Wiesenbewohner den Lebensraum Stadt für sich erobert. Tatsächlich nimmt die Zahl der Tiere zu, die sich zwischen Häusermauern und parkenden Autos niederlassen. Als neueste Gäste haben Fachleute jetzt Rabenkrähen und Waschbären ausfindig gemacht. Und auch Reiher fühlen sich in Städten wie Stade nicht mehr vom Menschen gestört.
Einige der Arten machen dem Menschen das Leben schwer: Im Steinbachtal in Buchholz haben Wildschweine vor zwei Jahren Fußballfelder und Gärten umgepflügt, Rehe fressen auf Friedhöfen in Buxtehude und in Vorgärten in Stade die Pflanzen ab. "Einige Tiere bringen Krankheiten wie die Staupe oder die Räude mit in die Stadt und übertragen sie auf die Haustiere", sagt Günter Jagau, Vorsitzender der Jägerschaft im Landkreis Harburg. Andere wie der Waschbär würden sich auf Dachböden einnisten und die Dachziegel hochdrücken.
Nicht immer ist das Zusammenleben mit den tierischen Nachbarn problematisch. Einige bleiben unbeachtet, andere wie die Mauersegler oder Fledermäuse sind sogar mancherorts willkommen. Biologe Dr. Wolfgang Kurtze aus Stade-Hagen beschäftigt sich seit Jahren mit den tierischen Nachbarn des Menschen. Er hat für die Stadt Stade eine Karte mit Tier-Lebensräumen entwickelt. Darin widmet er sich nicht nur den auffälligen Tierarten, wie Fuchs und Marder, sondern auch kleineren und unscheinbaren, wie Bienen, Elstern und Kaninchen. Er betrachtet die Stadt mit den Augen eines Ökologen. "Für die Tiere ähnelt die Stadt einer Felsenlandschaft mit extrem vielen Kleinstrukturen und ökologischen Nischen", sagt Kurtze. "Es gibt Tiere, die sich extrem gut anpassen können." Viele Stadtbewohner haben ihre Wachphase auf die Nacht verlegt. Und das Essensangebot, beispielsweise in den Mülleimern, ist groß.
Ganz neu ist das Phänomen aber nicht. Schon um 1900 nistete sich die Amsel, die vorher ein reiner Waldbewohner war, neben dem Menschen an. "Heutzutage ist die Vielfalt der Tiere in Städten aber sehr groß. Es hat sich eine gewisse ökologische Stabilität eingestellt", sagt Kurtze.
Peter Heinsohn, Vorsitzender der Jägerschaft des Landkreises Stade, freut sich über das Nebeneinander mit den Tieren. Im Landkreis gebe es kaum Probleme. Er beobachtet aber mit Sorge eine andere Entwicklung. "In den Neubaugebieten sind die Grundstücke so klein, das die Gärten keinen Lebensraum für Bienen und Vögel bieten."