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Plötzlich hatte sie fünf Geschwister

Ulla Becker schaut sich Fotos von Verwandten an, von denen sie ihr Leben lang getrennt war

Wiedersehen nach 62 Jahren / Ulla Becker weinte Freudentränen


tp. Drochtersen. "Irgendwas fehlt mir. Dieses Gefühl trug ich ein Leben lang mit mir herum", sagt Ulla Becker (63). Erst jetzt weiß sie, was sie so sehr vermisst hat: Nach 62 Jahren traf sie zum ersten Mal ihre Geschwister.
Die selbstständige Änderungsschneiderin aus Drochtersen wurde als sechstes Kind einer Flüchtlingsfamilie auf der Elbinsel Krautsand geboren. Die Mutter trennte sich schweren Herzens von der kleinen Ulla, als das Baby sechs Wochen alt war. Das Kind war aus einer außerehelichen Beziehung entstanden, der Ehemann der Mutter wollte es nicht in die Familie aufnehmen.
Ulla kam zu ihrem leiblichen Vater und dessen Ehefrau nach Drochtersen. Dass die Frau, die sie liebevoll groß zog, in Wahrheit ihre Stiefmutter war und Bruder und Schwester ihre Halbgeschwister, wurde Ulla Becker verschwiegen. Erst als sie erwachsen war und selbst Kinder hatte, erfuhr sie von ihrer wahren Herkunft: Im Jahr 1990 starb die Stiefmutter. In der Hinterlassenschaft fand Ulla Becker ihre Adoptionspapiere mit dem Namen und der Adresse ihrer inzwischen verstorbenen leiblichen Mutter. Die Spur führte in das kleine Dorf Gutenacker bei Frankfurt. "Plötzlich hatte ich Tausend Fragen", erinnert sich Ulla Becker. "Habe ich Geschwister? Wenn ja, wie viele? Wo leben sie?"
Eine jahrelange Suche begann. Doch Recherchen beim Suchdienst des Roten Kreuzes, beim Kirchenamt, bei der Gemeindeverwaltung und im Internet liefen ins Leere. Erst im vergangenen Oktober, als Ulla Becker einen persönlichen Brief an den Bürgermeister von Gutenacker schrieb, kam Licht ins Dunkel. Der Bürgermeister fand im Nachbarort einen Bruder von Ulla Becker.
"Ich rief ihn noch am selben Tag an", berichtet Ulla Becker. Am Telefon flossen Freudentränen. "Ich erfuhr, dass ich drei Schwestern und zwei Brüder habe." Bis auf einen Bruder leben noch alle.
Besonders gut versteht sich Ulla Becker mit ihrer "großen Schwester" Gisela (73). "Wie sind seelenverwandt", schwärmt sie. Beide Frauen trafen sich kürzlich in Drochtersen. Sie tauschten Familienfotos und besuchten das Haus auf Krautsand, in dem ihre Wiege stand.
Zu Weihnachten wird Ulla Becker ihren neuen Geschwistern eine Postkarte schicken. Und wenn der Winter vorbei ist, plant die ganze Familie eine Wiedersehensfeier.