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Schweigend im Zugabteil: Geflüchtete lernen bei der VHS nicht nur Grammatik-Regeln

Susanne Meyer von der VHS Stade ist erste Ansprechpartnerin im Bereich "Deutsch als Zweitsprache" (Foto: lt)
lt. Stade. Wie kann Integration - sowohl kulturell als auch beruflich - gelingen? Ein Schlüssel liegt in der Sprache, weiß Susanne Meyer, stellvertretende Leiterin der VHS Stade und Fachbereichsleiterin "Deutsch als Zweitsprache". Sie ist eine von knapp 30 Dozenten, die Erwachsenen ab 18 Jahren in verschiedenen Kursen deutsch beibringen. Doch wie funktioniert der Spracherwerb eigentlich?
Die Möglichkeit Deutsch zu lernen hat grundsätzlich jeder Geflüchtete. Seit drei Jahren gibt es in Stade den vom Land Niedersachsen geförderten Kursus "Deutsch als Fremdsprache für Flüchtlinge". Er umfasst mindestens 300 Stunden Unterricht und kann von allen Geflüchteten und Asylbewerbern, die eine Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender vorlegen können, besucht werden. Die Teilnahme ist kostenlos, Bücher werden gestellt und auch Fahrtkosten erstattet.
Die seit 2005 bundesweit angebotenen Integrationskurse dürfen dagegen nur von Flüchtlingen aus den unsicheren Herkunftsländern Iran, Irak, Eritrea, Somalia und Syrien sowie von bereits anerkannten Asylbewerbern besucht werden.
Ein großes Problem beim Spracherwerb sieht Susanne Meyer darin, dass vielen gar nicht bewusst sei, wie schwer es ist, eine Fremdsprache zu lernen. "Ihnen und mir ist klar, wie komplex das ist, aber Menschen, die noch nie eine andere Sprache gelernt haben und im Zweifel nicht mal in ihrer Muttersprache lesen und schreiben können, haben keinerlei Vorstellung davon", sagt Meyer.
Der Frust sei häufig groß, wenn den Kurs-Teilnehmern bewusst werde, dass sie nicht von heute auf morgen so gut deutsch sprechen, dass sie z.B. einen Job ausüben können, geschweige denn, sich im Alltag zurecht finden.
Viel Fleiß, Disziplin und Motivation sei nötig, so Meyer. Und das in einer Zeit, in der die meisten Lernenden unter einer großen psychischen Belastung stehen, weil sie aus ihrer Heimat fliehen mussten und in Sorge um ihre Familie seien. Das sei für das Lernen nicht förderlich.
In den Kursen werde darauf geachtet, dass die Gruppen möglichst gemischt seien, damit die Teilnehmer gezwungen seien, sich auf Deutsch zu verständigen. Der Unterricht findet ausschließlich auf Deutsch statt und beinhaltet auch sozialpädagogische Elemente, so Meyer. Viele Teilnehmer seien zunächst orientierungslos, weil sie nicht nur die Grammatik-Regeln, sondern auch die Regeln der deutschen Gesellschaft nicht kennen.
So lernen Menschen mit arabischen Wurzeln, dass es in Deutschland nicht gut ankommt, wenn man als Fremder eine Frau sofort fragt, ob sie verheiratet sei. In anderen Ländern spreche man dagegen darüber wie hier über das Wetter.
Die Teilnehmer lernen außerdem, dass es nicht ungewöhnlich und vor allem nicht unhöflich ist, sich z.B. in einem Zugabteil teilweise stundenlang schweigend gegenüber zu sitzen.
Trotz der großen Herausforderung, Deutsch zu lernen, sei die Abbrecher-Quote mit unter zehn Prozent aber sehr gering, sagt Susanne Meyer. Allerdings erreichen nicht alle das angestrebte Sprachniveau. Wie schnell und gut jemand lerne, hänge stark von der Persönlichkeit ab. Viele Ex-Sprachkursteilnehmer studieren inzwischen auch schon in Hamburg an der Uni. Das seien aber in der Regel Geflüchtete, die bereits einen hohen Bildungsstand hatten und schon einmal eine Fremdsprache gelernt haben.
Susanne Meyers Fazit: "Der ganze Prozess braucht einfach viel Zeit".
• Derzeit laufen an der VHS Stade zehn Integrationskurse, davon zwei mit Alphabetisierung, das bedeutet, dass die Teilnehmer nicht lesen oder schreiben können. Im kommenden Jahr starten vier bis fünf neue Kurse "Deutsch als Fremdsprache für Flüchtlinge". (lt). Die VHS Stade führt seit 2011 auch Kurse an verschiedenen Schulen im Landkreis zur Spracherwerbsförderung Deutsch durch. Gefördert wird der Unterricht durch den Landkreis Stade. Dort können Schulen auch ihren Bedarf anmelden. Unterricht auch an Schulen