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Wohnadresse wie ein Stigma

"Hier kommt man ganz einfach rein, aber schlecht wieder raus": Pascal Wedel fühlt sich in dem Wohnblock an der Jorker Straße wie ein Gestrandeter
 
Durchmischung mit neuen Eigenheimen - das soll das soziale Gefüge im Quartier stabilisieren

Sackgasse Altländer Viertel in Stade / Bewohner klagt: "Hier kommt man ganz schlecht wieder raus"

tp. Stade. Kommen die Sanierungsmaßnahmen im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" im Altländer Viertel in Stade nicht bei den Menschen an? Trotz sichtbar positiver Veränderungen wie schmucke Einfamilienbungalows, moderne Altenwohnanlage, Stadtteilhaus und gestiegenes subjektives Sicherheitsgefühl aufgrund der Polizeipräsenz leiden die Bewohner des Multi-Kulti-Quartiers unter dem anhaltend schlechten Ruf der Gegend.

Einer, der seine Adresse trägt wie ein Stigma, ist Pascal Wedel (25), der in einem der tristen Mietshäuser an der Jorker Straße wohnt: "Hier kommt man ganz schlecht wieder raus", sagt der Arbeitslose, der vor zwei Jahren von Hamburg ins Viertel zog. Pascal Wedel richtet den Appell an die Öffentlichkeit: "Wer hier gelandet ist, verdient eine zweite Chance." Doch nach eigenen Angaben steckt er in einem Dilemma, das er "mit 90 Prozent der Viertelbewohner" teilt: Für einen Neustart möchte er innerhalb Stades umziehen, doch aufgrund seiner Herkunft ließen ihn potenzielle neue Vermieter abblitzen.

Nach Pascal Wedels Beobachtungen werden Viertel-Bewohner in anderen Stadtteilen als Mieter gemieden. Er glaubt, das liege an Vorurteilen - von denen er selbst eine Reihe erfüllt. Pascal Wedel wuchs in schwierigen Verhältnissen auf. Der Vater trank, verstarb früh. Die Mutter blieb mit vier Kindern zurück. Die Familie lebte phasenweise von Transferleistungen.

Heute führt Pascal Wedel ein klassisches Hartz-IV-Leben - sein typischer Tagesablauf: um sechs Uhr früh aufstehen, dann beginnt die bleierne Zeit, die er sich mit Kaffeetrinken, Rauchen und Spazieren gehen vertreibt. Gegen Abend: Online-Poker am Computer. Für eine Nachbarstochter zeichnet er im Fernsehen "Frauentausch" auf.

Der stille Single hatte in seinem Leben nur ein paar Jobs: Tankstellenkassierer, Spielhallenaufsicht, Zeitungsausträger. "Nach dem Hauptschulabschluss habe ich leider keinen Beruf gelernt", sagt Pascal Wedel. Er wirkt antriebslos. Nach eigenen Angaben machen ihm Depressionen zu schaffen. "Trotzdem möchte ich irgendwann wieder arbeiten gehen", kündigt Pascal Wedel zögerlich an.

Als ersten Schritt in ein neues Leben plant Pascal Wedel den Umzug innerhalb Stades. Er hat die Mietshäuser am Hohenwedel ins Visier genommen, wo seine Schwestern wohnen. "Doch sobald ich meine Adresse nenne, fällt bei den Vermietern die Klappe. Wer aus dem Viertel stammt, hat verloren."

Zumindest baulich öffnet die Stadt Stade die Sackgasse Altländer Viertel. In Richtung Bahnhof wird eine Neue Straße samt Radweg errichtet. An dem Verkehrsweg liegt das repräsentative Staatsarchiv, neue Wohnbebauung kommt hinzu.

Insbesondere von der Durchmischung des Viertels mit "selbst nutzenden Eigentümern", so Stadtbaurat Kersten Schröder-Doms, versprechen sich die Stadtplaner eine Stabilisierung des Sozialgefüges. Dazu sollen auch öffentliche Einrichtungen wie die Niederlassungen des DGB, des Berufsbildungswerkes und das Stadtteilhaus mit Bistro und Beratungsangebot sowie die renommierte Montessori-Grundschule beitragen.

Doch Pascal Wedel hat noch von keiner der Institutionen etwas gehört: "Ich kenne hier nur die Sparkasse und den türkischen Lebensmittelladen."